March 22, 2006
2004-09 Israel
Givat Hamore , 6. September 2005
Hallo liebe Freunde und Förderer,
ich habe mich dazu entschlossen einfach jeden Monat anstatt alle 3 Monate einen Rundbrief zu schreiben, damit ihr mitbekommt, wie es mir hier so ergeht und was ich so mache. Als erstes etwas Organisatorisches: Ich benötige noch die E-Mail-Adresse von Daniela Koss und Frau Holderer, kann die jemand besorgen? Mein Trip fing auf dem Flughafen von Stuttgart an, von dort ging es nach Frankfurt. Mit dem Gepäck ging auch alles überraschend gut, Robert, mein Mitreisender erzählte mir später, dass er mit 26,5kg so um die 170 Euro Aufpreis zahlen musste, ich kam mit ein bisschen Freundlichkeit und 26kg umsonst davon…
Nach meiner Ankunft am Flughafen von Tel Aviv wurde ich gleich auf dem Rollfeld von einem Sicherheitsbeamten zum ersten Mal befragt, was ich hier in Israel mache. Nach einem kurzen (fünfminütigem) Gespräch stand ich dann erstmal eine halbe Stunde an um zur Passkontrolle vorzudringen, da jeder dort einzeln kontrolliert und kurz befragt wurde. Nach der Passkontrolle ging man durch ein Tor, an dem man den Pass gleich wieder abgenommen bekam. Auch hier wieder eine viertel Stunde warten, dann kam jemand, der meinen Pass in der Hand hatte und von mir wissen wollte wann ich ankam (gerade eben, wenn ich am Flughafen stehe?!) und was ich in Israel machen werde. Ich war natürlich freundlich, hatte zum Glück eine Einladung, mit der ich beweisen konnte, dass ich hier arbeiten werde und nachdem geklärt war, dass ich in meinem letzten Tunesienurlaub natürlich mit niemandem ein Wort gesprochen hatte und nur am Strand lag (wie das ja so meine Art ist, jemand der für ein Jahr in ein anderes Land geht redet bestimmt nicht mit fremden Menschen
), also auch keine Kontakte zu meiner örtlichen Terroristenvereinigung habe stand meiner Einreise nach Israel nichts mehr im Weg. Ein Vorteil hatten diese ganzen Kontrollen: als ich fertig war musste ich nur noch 2 Minuten auf meinen Koffer warten. Robert (mein Mitreisender) hatte leider keine Einladung – eine halbe Stunde nachdem ich fertig war und den Flughafen gerade mit dem Koffer verlies (ich wurde abgeholt, er musste mit dem Taxi nach Jerusalem) wurde er immer noch befragt.
Am Flughafen wartete Elias auf mich, einer der Kollegen, die ich schon in Hamburg getroffen habe. Es geht anscheinend schneller, von Tel Aviv Airport erst nach Tel Aviv rein zufahren, anstatt den direkten Weg zu nehmen. Das liegt unter anderem daran, dass von Tel Aviv aus sheiruts fahren, eine Art Sammeltaxis, die nicht an jeder Station halten. Das Dumme an der Sache ist nur: Um zur Sheirutsstation zu kommen, muss man durch eine Art Einkaufspassage – normal kein Problem, einfach Rucksack aufmachen, die Securityleute schauen rein, röntgen alles mal durch, man läuft durch nen Metalldetektor und schon ist man in der Einkaufspassage. Leider hatte ich aber meinen großen Wanderrucksack und den Koffer dabei, also wurde einfach alles auf der Straße ausgepackt und durchgeschaut. Mit dem Sheirut kommt man in ca. 1,5h von Afula nach Tel Aviv, von dort aus sind es noch mal ca. 15 Minuten mit einem anderen Sheirut bis nach Givat HaMore, auf Deutsch “Hügel der Lehre”, mal gespannt, was ich hier so alles gelehrt bekomme.
Am ersten Abend habe ich Wayne, den Volontär (hebräisch: “mid na dev”), der am längsten hier ist, getroffen. Er und Elias haben mich ein bisschen herum geführt und mir Beth Uri (engl: Beit Uri) gezeigt. Leider war Nacht, deshalb habe ich an diesem Abend nicht so viel gesehen. Am zweiten Tag musste ich noch nicht arbeiten, konnte mir ein Bild von der ganzen Anlage machen und noch ein bisschen die Ruhe genießen. Die war nämlich recht schnell vorbei…
Zum einen arbeite ich ja ca. 8h am Tag, das wäre an sich in Ordnung, wenn sie an einem Stück wären, leider habe ich bisher öfters auch mal von 6 bis 12 Uhr und mittags dann noch mal von 14 bis 16 oder 16 bis 20 Uhr, das kann schon ganz schön nerven. Aber mal generell zur Arbeit hier: Als ich ankam gingen die anderen mid na devs davon aus, dass ich mit Wayne zusammen arbeite, bzw. seine Arbeit übernehme, da er irgendwann im September wieder nach Hause geht. Ursprünglich hätte schon der mid na dev, der vor mir ankam, Jörg, dort arbeiten sollen. Jörg wollte aber eigentlich nach Kanada und Israel (oder überhaupt Arbeit mit Behinderten) war eher seine letzte Alternative, deshalb war er von dem Haus wohl ziemlich geschockt. Als ich hier ankam wollte der Leiter des Hauses mich aber lieber in einem anderen Haus haben: dem Kinderheim, das hier einfach nur “Wohnung” genannt wird, weil die Kinder 1996 alle auf einen Schlag kamen und deshalb die Wohnung von ehemaligen Betreuern geräumt werden musste. Wohnung heißt auf hebräisch “dirah”, ich arbeite also in der dirah. Hier betreuen wir 6 Kinder ständig, 4 Jungs und 2 Mädchen, alle im Alter von 8 bis 14 Jahren. Das Kinderheim war ja auch der Bereich, in den ich am liebsten wollte. An Krankheiten haben wir anscheinend so ziemlich alles dabei, ich kenne mich da noch nicht so aus. Tagsüber kommen noch 4 externe Jungs dazu, die sind nachts in ihrer Familie, werden morgens an unser Tor gebracht und abends wieder abgeholt. Bis vor kurzem waren hier noch Ferien, aber inzwischen hat die Schule wieder angefangen. Das heißt für mich einerseits, dass es wieder etwas Spannender wird, andererseits habe ich jetzt immer Frühschicht, bzw. muss auf alle Fälle um 8 Uhr in der Schule sein. Meistens fange ich aber um 6 Uhr damit an, die Kinder zu wecken, Windeln zu wechseln, sie zu waschen und die Zähne zu putzen. Danach wird der Tisch gedeckt (zwei können sogar mithelfen), um 7 Uhr wird gegessen und ab 7:45 Uhr machen wir uns auf den Weg in die Schule (oder brauchen einfach bis 8 Uhr um die externen abzuholen oder beschäftigen die Kinder irgendwie anders. Der Begriff Schule passt hier wahrscheinlich nicht so ganz, wir fangen mit einem Begrüßungslied an, ich verstehe es noch nicht ganz, aber am Ende wird immer “boker toff” gesungen, was “Guten Morgen” bedeutet (borker – Morgen; toff – gut), danach wird etwas gespielt oder mit einer Kerze gesungen und irgendeine hebräische Geschichte erzählt (soweit ich es bisher verstanden habe geht es immer um den Wochentag, “Jom” für Tag, “Jom Rishom” – Erster Tag, “Jom Sheni” – Zweiter Tag, und so weiter… nur der Shabatt hat kein “Jom”. Nach dem Gesang gehen wir spazieren und in irgendeine Art Workshop, haben wir aber noch nicht oft gemacht, dazu gibt es nächstes Mal mehr Informationen. Um 10 Uhr gibt es meistens eine Kleinigkeit zu essen, danach geht es eigentlich wieder von vorne los (Spazieren gehen…), bis es um 12 Uhr Mittagessen gibt. Dann müssen alle Kinder wieder von der Schule in der dirah sein. Unterbrochen wird das Spazierengehen und Essen eigentlich nur vom Windel wechseln, da jeder ca. einmal in der Stunde auf die Toilette, wenn sie sich nicht vorher in die Hose machen. Ganz angenehm ist das bei Sascha, da er sich etwa einmal in der Stunde in die Hose macht, dann mit einer nassen Hose durch die Gegend läuft und sich gerne auf uns Betreuer setzt. Man merkt dann, dass er in die Hose gemacht hat spätestens wenn die eigene Hose voll ist. Das Mittagessen ist hier eigentlich ganz geschickt geregelt: Es darf ja nur koscheres Essen geben. Grob gesagt ist alles nicht koscher, wenn Fleisch und Milchprodukte gemischt sind (grob!). Deswegen gibt es hier einfach kein Fleisch, was mir aber nichts ausmacht. Am ersten Tag gab es z.B. Spaghetti mit einer Art Tomatensoße und Tofustückchen, jede Menge Salat und Joghurt. Meistens gibt es irgendeine Art von Auflauf mit Salat. Wir mid na devs haben eine eigene Wohnung mit Kühlschrank und Küche, können jeden Tag eine Liste abgeben, auf der angekreuzt ist, was wir zu Essen möchten (nachdem wir die Sachen übersetzt haben, dank Wayne, der inzwischen ganz gut hebräisch kann, kein Problem, er hat von allem die englische Übersetzung daneben geschrieben) und können die Lebensmittel eine Stunde später abholen. So haben wir eigentlich immer einen mit jede Menge Gemüse und Obst gefüllten Kühlschrank, vier verschiedene Sorten Quark oder Frischkäse (wir haben noch nicht genau herausgefunden was es ist?) Nach dem Mittagessen legen wir die Kinder erstmal schlafen, wenn sie wieder aufwachen wird noch mal was gesungen oder spazieren gegangen, damit sie pünktlich um 4 Uhr ihren Nachmittagskuchen bekommen und um 6 Uhr vom Spielplatz zurück sind und das Abendessen losgehen kann. Nach dem Abendessen werden alle geduscht, bekommen die Zähne geputzt und werden schlafen gelegt und wir räumen noch ein bisschen auf. Zum Glück bin ich ja nicht immer überall dabei, sondern arbeite halt immer nur 8-10h, sonst wäre es hier Stress pur.
Ich habe schon einige Bilder gemacht, die ich auf die Homepage gestellt habe, evtl. kommen demnächst noch welche von Ira und Elias, meinen Arbeitskollegen. Da die Internetverbindung mit 28,8kbit hier aber sehr langsam ist dauert es wahrscheinlich noch ein bisschen, bis ich die nächsten Bilder hochstelle, vielleicht nächsten Samstag, am Shabatt ist Internet kostenlos ![]()
Die Bilder sind auf meiner Homepage unter www.moritzmueller.com in der Bildergallerie zu erreichen. Achja, wenn jemand noch meine Adresse hier in Israel haben will:
“Moritz Müller, c/o Beit Uri, Givat Hamoreh 18750 Afula, Israel”
Ansonsten wünscht mir viel Kraft, da ich euch doch sehr vermisse.
Liebe Grüße aus Israel
Lehitraot (Auf Wiedersehen / Tschüss)
Moritz









