March 22, 2006

2004-10 Israel

Givat Hamore , 15. Oktober 2005

Schalom liebe Freunde und Förderer,

ja, viel ist geschehen, seitdem ich den ersten Rundbrief geschrieben habe, deswegen am Besten von Anfang an:
Am 10. und 11. September war ich in Haifa, dort haben wir Volontäre aus Beit Uri unsere Kollegen am Rutenberg Institut besucht, was ganz interessant war, da diese dort unter ganz anderen Bedingungen leben. Es ist irgendwie schön zu sehen, wie man sich über richtige Kleinigkeiten so freuen kann?
Die Rutenbergler hatten Pitas und richtig viel zu essen da, noch dazu einen Schlüssel für die Küche und es gab sogar Getränke (nicht nur Leitungswasser, also traumhafte Bedingungen für uns aus Beit Uri). Trotzdem habe ich mich nach dem Ausflug wieder auf Beit Uri gefreut, es ist halt hier doch keine Stadt, wir haben unsere Arbeit mit den Behinderten, und lernen im Gegensatz zu den Haifanern auch Hebräisch sprechen (dazu später mehr). Eigentlich wollten Ira, eine andere Volontärin aus Beit Uri, und ich in Haifa wandern gehen, es soll auf dem Carmelberg schöne Wanderstrecken geben, aber nachdem wir Nachts noch ein bisschen unterwegs waren und an Shabbat eh keine Busse fahren, wir also ein Taxi zahlen hätten müssen, um aus der Stadt herauszukommen, haben wir uns die Sache noch mal überlegt und sind mit den anderen an den Strand gegangen. Das Mittelmeer hier in Israel ist übrigens nicht wie in Südeuropa, komischerweise gibt es hier viel mehr Wellen und richtige ablandige Strömungen (in Tel Aviv besonders stark). Sehr beliebt ist hier in Israel das Spielen von Beachball mit diesen kleinen schwarzen Bällen und den Schlägern, auf einigen Bildern, die ich gemacht habe sieht man richtig viele von ihnen. Zurück nach Beit Uri ging es wieder genauso wie auf dem Hinweg: Trampen.
In Haifa habe ich ein schönes Zitat aus der Bibel, bzw. ursprünglich natürlich der Thora, oder sagen wir einfach aus dem Prediger gesehen, das ich euch schicken möchte:

Jedes Ereignis, alles auf der Welt hat seine Zeit:
Geboren werden und sterben, pflanzen und ausreißen, töten und heilen,
niederreißen und aufbauen, weinen und lachen, klagen und tanzen,
Steine werfen und Steine sammeln, umarmen und loslassen, suchen und finden,
aufbewahren und wegwerfen, zerreißen und zusammennähen,
reden und schweigen, lieben und hassen, Krieg und Frieden. (Pred. 3, 1-8)

In den Tagen danach habe ich angefangen, mir Afula genauer anzuschauen. Unter anderem habe ich mein richtiges Visum bekommen, darf mich jetzt also offiziell bis zum 31. August 2005 hier aufhalten. Ein wenig ironisch finde ich es schon: Ich habe ein Volontärsvisum, bin also “not allowed to work”, was ich bei 40-50 Arbeitsstunden pro Woche nicht so empfinde. Aber was solls, es bleibt ja trotzdem noch genug Zeit, mich hier umzuschauen. Auch ist es sehr spannend, die jüdischen Feste mitzubekommen, die in unserem Heim ja noch richtig gefeiert werden, was bei den vielen säkularen Juden hier in Israel nicht unbedingt mehr üblich ist! Eines dieser Feste wurde nach unserer Zeitrechnung am 15. September gefeiert: Rosh HaShanah (Kopf des Jahres), was soviel wie Neujahr ist. Ich muss ja wahrscheinlich nicht schreiben, dass die jüdische Religion nach dem Mondkalender geht, also mehrere Schaltjahre im 19-jährigen Jahreszyklus und darin dann 7 Schaltjahre enthalten sind. Aber genaueres könnt ihr euch darüber selbst im Internet durchlesen. An Rosh HaShanah wird traditionell das Schofar, das Widderhorn geblasen; es erinnert an den Widder, den Abraham anstelle Isaaks geopfert hat. Meiner Meinung nach hat das Horn selbst ein ähnliches Mundstück wie eine Trompete, also eigentlich nur ein Loch, in das man hinein bläst, aber ich bin was so etwas betrifft ja kein Experte…

An Rosh HaShanah hatten wir Besuch von einigen ehemaligen Volontären, die ihren Geschichtestudiengang mitbrachten und mit uns zusammen aßen. Es gab das traditionelle Essen, das man an Neujahr isst: Zum einen “Tapuach im vash” (Apfel mit Honig), “rimon” (Granatapfel) und dazu eine Frucht, die man in dieser Saison noch nicht gegessen hat (um die Besonderheit des Tages hervorzuheben), was bei uns Datteln waren. Das Ganze wird, wie eigentlich alles an Festtagen, mit Brot, das in Salz getunkt wird, gegessen. Brot und Salz symbolisieren dabei die beiden elementaren Nahrungsmittel, die jedes Leben benötigt, Brot aus Getreide und das Salz steht für Mineralstoffe. Vor dem Essen wird ein Segen auf das Brot und den Wein (bei uns natürlich Traubensaft) gesprochen und in einem normalen jüdischen Haushalt trinkt dann zuerst der Hausvater, danach alle anderen Familienmitglieder aus dem Kelch. In Beit Uri wurde das natürlich auch umgewandelt, jeder bekommt einen eigenen Becher. Im Großen und Ganzen ähnelt die Prozedur dem christlichen Abendmahl, außer dass beim Abendmahl ungesäuertes Brot gegessen wird, wie im Judentum nur an Pessach. Tja, jetzt ratet mal, wo das Abendmahl herkommt? Ein kleiner Tipp: Jesus war Jude ;-)

Nach Rosh HaShanah half ich in der Küche abspülen, weshalb ich jetzt bei den Frauen dort recht beliebt bin und immer das zu essen bekomme, was ich möchte. Am Schabbat nach Rosh HaShanah sind wir nach Nazareth gefahren, da die Geschäfte in den jüdischen Dörfern von Freitagnachmittag bis Samstagnachmittag geschlossen haben. Zum Glück ist Nazareth arabisch, weshalb man dort auch am Samstag einkaufen kann. Bei dieser Gelegenheit habe ich natürlich die Christus Verkündigungskirche besichtigt, eine der eindrucksvollsten Kirchen, die ich je gesehen habe. Jede Nation der Welt hat der Kirche ein Bildnis von Maria geschenkt und so ist es wirklich faszinierend, eine schwarze Maria aus Afrika neben einer Maria mit Reishut aus Asien zu sehen! Deutschland hat hier nach dem Zweiten Weltkrieg ein separates Gebäude mit einem riesigen Bildnis aufstellen lassen. Nach dem Besuch in der Kirche sind wir den ganzen Weg bis auf den Gipfel des Berges, an dessen Hang Nazareth liegt, hochgelaufen. Die Aussicht war natürlich genial! Zurück nach Afula wie immer: Trampen.

Mein nächster Ausflug war dann am 23. September nach Tiberias, bzw. in die Arbelberge bei Tiberias, am Kinneret (See Genezareth). Wir sind zu den Bergen getrampt, man hatte auch hier eine tolle Aussicht auf den See, sind dann wieder ein bisschen abgestiegen und haben in einer Höhle mit Blick auf ein arabisches Dorf und der Küste vom Kinneret geschlafen. Da ich ja leider noch keinen Schlafsack habe musste das mit einer Decke gehen; hätte auch fast geklappt, ich war nur etwas zu groß für die Decke, musste sie quer nehmen (wer in Mathe aufgepasst hat, weiß, dass eine quadratische Decke dann Wurzel 2 mal so lang ist *g*) und bin nachts ab und zu in den Dreck gerollt. Aber diese Aussicht hat echt alles wieder wettgemacht. Am Tag darauf sind wir von den Arbelbergen in den Norden gefahren: An der nördlichen Kinneretküste gibt es eine Reihe von Nachals (Flüssen), die man durchwandern kann. Einer von den Flüssen ist der Nachal Zaki, den wir uns für den Tag vorgenommen hatten. Falls es jemand noch nicht ganz verstanden hat: Man läuft manchmal am Rand des Flusses, meistens jedoch im Fluss selbst. Es fing auch ganz harmlos mit knietiefem Wasser an, gegen Ende jedoch hatte ich den Rucksack über dem Kopf, bin am Grund des Flusses entlanggelaufen und ab und zu nach oben gesprungen, um Luft zu holen. Aber mein Rucksack blieb trocken! (Ok, er hätte es nicht bleiben müssen, ich hatte alles in Tüten und Dosen verpackt, bin aber trotzdem stolz darauf…)

Zurück kamen wir am Morgen von Jom Kipur, dem höchsten Feiertag der Juden. Für meine Verhältnisse extrem: Wenn an Jom Kipur jemand Auto fährt und an einem orthodoxen Juden vorbeikommt, kann er sicher sein, dass dieser mit Steinen nach seinem Auto werfen wird! An Jom Kipur werden nach dem jüdischen Glauben “die Bücher” (sefarim) geschlossen. Kurz gesagt wird hier entschieden, wer nächstes Jahr noch leben darf, aber um das alles ausführlich zu erklären wäre hier kein Platz. An diesem Tag wird, wie an vielen jüdischen Feiertagen gefastet. Ich möchte natürlich an vielen von den Sitten hier teilnehmen, also habe ich auch gefastet. Na gut, eigentlich hätte ich auch nichts trinken dürfen, aber das muss man sich bei der Hitze ja nicht antun. Natürlich gilt das Fasten auch nicht für die member hier, wer möchte kann fasten, die meisten, die wissen worum es geht, halten es aber auch nicht durch. Für die Religion ist das kein Problem: Wer krank ist soll sowieso nicht fasten. Oder wie in der Thora steht: “Entweihe einen Schabbat um viele weitere feiern zu können”. Daraus geht hervor, dass man natürlich auch Auto fahren oder alles Mögliche machen darf, dass eigentlich am Schabbat verboten ist, wenn es darum geht, ein Leben zu retten.

Am 27. September gab es zwei Premieren: Ich trug zum ersten Mal eine kippa, eine runde Kopfbedeckung, da man nicht in die Synagoge darf, ohne sein Haupt zu bedecken. Viele wissen es nicht, aber die kippa ist eine Erfindung der neueren Zeit, es gibt sie erst seit ca. 200 Jahren. Die andere Premiere war, dass E. (ich darf keine Namen von Bewohnern meines Heims nennen) zum ersten Mal aus der Thora vorlesen durfte, er hatte Bar Mizwah. Naja, theoretisch hätte er zum ersten Mal daraus lesen dürfen, da er aber nicht lesen kann, hat das sein Vater für ihn übernommen. Trotzdem ist er jetzt mit 13 nach der jüdischen Religion in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen. Ihr habt Glück: normalerweise darf man an Schabbat und an Feiertagen keine elektronischen Geräte benutzen und wir von Beit Uri gehen nur an Feiertagen in die Synagoge. Die Bar Mizwah jedoch war an einem Wochentag, also durfte ich auch in der Synagoge Bilder machen. Darauf kann man zum Beispiel auch unseren Religionslehrer mit den Gebetsriemen erkennen, die er angelegt hat.
Wenn ich gerade bei der Synagoge bin: Meiner Meinung nach ist die jüdische Religion sehr chauvinistisch, Frauen und Männer müssen in der Synagoge getrennt sitzen, an sich kein Problem und verständlich, aber die Sache ist die, dass die Frauen dann irgendwo oben oder in einem anderen Raum hinter den Männern sitzen und durch ein Fenster auf den Altar schauen können. Wenn sie ihn denn überhaupt sehen. Auch an “Simchat Torah”, der Feier, an der begonnen wird, die Thora von vorne zu lesen, wurde das ersichtlich: Die Männer tanzten mit den Thorarollen auf der Straße herum und die Frauen mussten separate Kreise bilden und bekamen auch keine Thora. Natürlich stört das die jüdischen Frauen hier nicht wirklich…

Anfang Oktober hat uns Yossi, der Heimleiter, dazu eingeladen, mit ihm doch an eine Oase zu fahren und um Mitternacht ein bisschen zu Schwimmen. Er hat uns dann auch mit dem Beit Uri-Bus hin gefahren und die “Oase” war tatsächlich wie im Bilderbuch: Eine ca. 1,30m tiefe Wasserstelle, mit Steinen ausgelegt und von Palmen umrundet lud dazu ein, im glasklaren Wasser zu planschen. Es war ein bisschen kühl, aber man konnte ohne Probleme eine Stunde lang baden. Da sieht man natürlich die Vorteile, geographisch auf der Höhe von Ägypten zu leben ;-) .

Mein erster Ausflug nach Tel Aviv ging gleich über Nacht, wir fuhren zu viert mit einem der Arbeiter in ein Pub, dem “Buzz Stop”, saßen da bis um Mitternacht, danach wurde es zu einer Disko umgewandelt und wir tanzten und unterhielten uns bis zum Morgen, da wir eh nicht wussten wo wir schlafen sollten. Als die Sonne aufging aßen wir ein paar Fallafel und fuhren nach Afula zurück. Von Tel Aviv habe ich einige schöne Nachtbilder gemacht.

Seither war es jetzt (immerhin eine Woche lang) recht still, heute hat ein neuer Monat angefangen, ich kenne die Namen aber leider nicht. Mein Hebräisch hat aber doch schon deutliche Fortschritte gemacht, ich kann inzwischen komplexere Befehle wie “Iss mit Messer und Gabel” (tochal im sakin w’masleg) oder sogar Dinge wie “Ich arbeite morgen nicht, weil ich nach Tel Aviv fahre, aber ich komme am Sonntag” (ani lo owet macha, ki ani holech le Tel Aviv, aval ani ba be jom rishon) sagen. Ich habe inzwischen auch angefangen hebräisch zu schreiben, mache aber öfters noch Fehler, da man im Hebräischen einige Laute durch mehrer Zeichen ausdrücken kann und die einzige Möglichkeit das zu lernen ist, jedes Wort auswendig zu lernen… und Sachen auswendig zu lernen war ja schon immer meine Lieblingsbeschäftigung ;-)
Das Selbe gilt übrigens auch für das Lesen: Da im Hebräischen Vokale zwar geschrieben werden können, aber nicht müssen, kann eine Folge von Buchstaben mehrere Wörter ausdrücken und man muss eigentlich die Wörter auswendig kennen. Eine weitere Schwierigkeit liegt in den verschiedenen Schriftarten: Wie im Deutschen auch schreibt erstens jeder ein bisschen anders, zweitens gibt es eine Schrift, die zwar überall gedruckt wird, und auf allen PCs benutzt wird, die aber keiner schreibt. Umgekehrt gibt es eine extra Schrift, die nur von Hand geschrieben wird. Leider sind die Zeichen aber nicht annähernd ähnlich, sondern im Gegenteil, sie sind komplett unterschiedlich. Inzwischen bin ich aber soweit, dass ich jedes Zeichen lesen kann, ich könnte jetzt nur wahrscheinlich nicht jedem Zeichen zuordnen, ob es Hand- oder Druckschrift ist…

So, das war für diesen Monat erst einmal alles, wie auch letztes Mal weise ich darauf hin, dass ihr euch bei Fragen gerne an mich wenden könnt, den nächste Rundbrief werde ich höchstwahrscheinlich gegen Mitte oder Ende November verschicken (ich möchte langsam an den Ende des Monats rutschen, da der erste “Monatsrundbrief” zur Beantwortung der vielen Fragen am Anfang ja schon nach ein paar Tagen kam).

Falls sich jemand Sorgen um meine Sicherheit machen sollte, so kann ich euch beruhigen: Beit Uri ist wahrscheinlich der sicherste Ort in ganz Israel, quasi eine Welt für sich, solange ich hier bin wird mir sicher nichts passieren. Weiter liegt Afula ja im Nordosten des Landes, ein paar Kilometer von den Westbanks entfernt, also in einer Gegend, die Momentan ganz außerhalb dem Brennpunkt des Geschehens liegt. Es ist sicher richtig, dass es im Gazastreifen so unsicher wie in den letzten vier Jahren nicht mehr ist, aber wer momentan dorthin geht, der weiß ja ganz genau, was er tut.

Achja, mir als Technikfreak ist natürlich ein geniales Detail aufgefallen, das bestimmt auf den Mossad zurückzuführen ist: Jedes Auto in Israel ist durch einen Code geschützt, der beim Einschalten eingegeben werden muss. Ohne diesen Code fährt das Auto gar nicht los. Außerdem sendet jedes Auto ständig GPS-Koordinaten an eine Zentrale und sobald jemand irgendeine Grenze übertritt wird er per Telefon benachrichtigt, dass er diese übertreten hat und muss es bestätigen, bzw. erklären, warum er das tut. Wenn er das nicht tut kann das Auto einfach von der Zentrale aus komplett stillgelegt werden. Das Selbe gilt auch im Falle eines Diebstahls. Das nenne ich mal Überwachung!

Nachtrag: Das GPS-System ist optional, also nicht in jedem Auto verbaut, kann gegen eine monatliche Gebühr erworben werden.

Also dann bis nächsten Monat,
liebe Grüße,

Moritz

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