March 22, 2006

2004-12 Israel

Givat Hamore , 12. Januar 2005

Shalom liebe Freundinnen/Freunde und Förderinnen/Förderer,

wie bereits angekündigt, schicke ich euch diesmal meinen Rundbrief mit etwas Verspätung, ihr habt euch ja hoffentlich noch keine Sorgen um mich gemacht.

Der Dezember hat bei mir ganz ruhig angefangen, ich hatte gleich am ersten Wochenende zwei Tage am Stück frei, an denen ich zuerst nach Tel Aviv fahren wollte, mich aber doch dazu entschlossen habe, daheim zu bleiben. Oder vielleicht sollte ich besser sagen, dass ich zu faul war und mich so eben nicht dazu entschließen konnte, wegzufahren. Naja, das Ergebnis ist ja das gleiche, ich hatte zwei ruhige Tage in Beit Uri.

In der zweiten Woche, ab dem 8.Dezember fingen dann hier in Israel die Feiertage an. Wie in den christlichen Ländern die Adventszeit, feiert man auch im jüdischen Land während der dunkelsten Zeit im Jahr ein Fest des Lichts, Chanukkah. Wie so viele religiöse Dinge ist der Hintergrund zu Chanukkah recht vielschichtig: So fällt das Fest zum Beispiel auf einen Tag kurz nach dem kürzesten im Jahr, man feiert also den Sieg des “rückkehrenden” Lichts über die Dunkelheit, stellvertretend natürlich unter anderem für das Leben und den Tod. Wie so oft gibt es aber noch einen weiteren, historischen Grund, nämlichen den Sieg der Makkabäer. Diese haben nach der Entweihung des Ersten Tempels durch die Griechen Jerusalem in einem spektakulären Guerillakrieg zurückerobert. Den Tempel fanden sie aber durch eine Zeusstatue entweiht vor, alle Ölvorräte waren vernichtet. Um neues Olivenöl herzustellen, das gebraucht wurde, um das heilige Licht im Tempel anzuzünden, brauchte man acht Tage, hatte aber nur einen kleinen Krug, der lediglich für einen Tag reichen würde, gefunden. Man entschloss sich trotz allem, die Weihung des Tempels nicht weiter hinauszuschieben, sondern diese noch am selben Tag durchzuführen. Ihr könnt es euch ja sicher denken – das Öl, das eigentlich nur für einen Tag reichen sollte, brannte genau acht Tage lang, bis neues Öl fertig war. Deswegen steht auf den jüdischen Kreiseln (“sevivon”), mit denen die Kinder an diesem Tag spielen auch ein nun, ein gimmel, ein hey und ein pey, vier hebräische Buchstaben, die die Anfangsbuchstaben des Satzes “nes gadol haja po” bilden, welchen man mit “ein großes Wunder ist hier geschehen” übersetzen kann.

Aber nun zurück zu Chanukkah, wie es heute gefeiert wird.
Charakteristisch für das Fest ist der neunarmige Kerzenständer, der Chanukkiah, es gibt für jeden Tag des Festes eine Kerze und eine neunte Dienerkerze, mit der man die anderen anzündet. Dabei fängt man natürlich hebräisch von rechts an, entzündet die Kerzen jedoch von links. Klingt etwas merkwürdig, ist aber ganz einfach, ich mache einfach mal ein Beispiel: Am ersten Tag zündet man die Dienerkerze an, mit der man die Kerze ganz rechts entzündet. Am zweiten Tag entzündet man dann erst die vorletzte, danach die letzte. Richtige Feiertage sind eigentlich nur der erste und der letzte Tag, alle dazwischen sind so genannte “Halbfeiertage”, an denen in Beit Uri zwar keine Schule stattfand, die “Erwachsenen” jedoch trotzdem in die Workshops gingen. Von daher wird auch nur an diesen beiden Tagen wirklich “gefeiert”. Der erste Tag begann bei uns wie üblich mit einem Treffen in der großen Halle, der “Ulam”, an welchem die Kerzen angezündet wurden. Danach gingen wir alle ins Haus, es gab Essen und nettes Zusammensein, besonders gefreut hat mich, dass einige Eltern “meiner” Kinder kamen und auch Geschwister mitbrachten, so dass die Kinder dieses Fest (das bei säkularen Juden auch hauptsächlich für die Kinder ist) auch wirklich mit ihren Familien feiern konnten. Bei mir kam an diesem Tag zum ersten Mal in Israel eine Art Weihnachtsstimmung auf. Nach dem Essen gab es für die Kinder eine kleine Überraschung: Im Wohnzimmer hing ein riesiger Papierkreisel, den die Kinder von der Decke holen und schlachten durften. Klar, er war mit jeder Menge Süßigkeiten gefüllt.
Der letzte Tag von Chanukkah wurde in Beit Uri auch mit einem Treffen in der Ulam abgeschlossen, jedes der Kinder ging einzeln nach vorne und entzündete eine Kerze, die in einer großen Spirale aus Grünzeug aufgestellt wurden. Natürlich habe ich jede Menge Bilder gemacht (ist etwas schwierig, Kerzen im Dunkeln aus der Entfernung ohne Stativ abzulichten…), die ihr im Internet finden werdet (www.moritzmueller.com).

Wo ich gerade bei Chanukkah bin, passt hier ja die Beschreibung meines Alltags am Wochenende und an Feiertagen ganz gut hinein, ich hatte euch ja versprochen etwas darüber zu schreiben.
Grundsätzlich gibt es zwei verschiedene Arten von Tagen, entweder wir haben Schule, oder eben nicht. An allen Tagen, an denen keine Schule stattfindet, schlafen die Kinder erstmal etwas länger, bis ca. 7:45 Uhr oder 8:00 Uhr, was es ganz angenehm macht, an Feiertagen ab 7 Uhr zu arbeiten. Nach dem Aufstehen werden die Kinder wie immer gewaschen, manche bekommen Windeln, Zähne werden geputzt, das übliche Programm eben. Nach dem Anziehen gibt es dann zwischen 8:20 Uhr und 8:45 Uhr Frühstück – im Winter inzwischen an jedem zweiten Tag “daisa”, also Haferschleim, selten auch “daisa oris”, Milchreis, zusätzlich zum Salat. Jetzt ist ca. 9 Uhr, einer von uns spült das Geschirr ab, während die anderen den Kindern notwendigerweise Gesicht und Hände waschen und sie auf die Toilette setzen. Freitagmorgens können wir dann ein bisschen Musik hören, eigentlich ganz unanthroposophisch, aber den Kindern gefällt es. Am Shabbat geht das leider nicht, da ja keine elektronischen Geräte benutzt werden dürfen. Häufig haben wir an schulfreien Tagen morgens Sport und gehen spazieren. Vor dem Mittagessen um 12 Uhr wird auch noch das Haus geputzt, meist während die Kinder unterwegs sind. Nach dem Mittagessen geht es dann ganz normal weiter, wie auch an jedem anderen Tag, die Kinder machen – oder besser “sollten”, da sie selten Lust dazu haben – ihren Mittagsschlaf, danach, oder Sonntags auch stattdessen, gibt es die üblichen “Aktionen” wie Reiten, Musik, Eurythmie, Sport, Workshops und alle möglichen Formen der Therapie. Im nächsten Brief werde ich evtl. etwas über die Therapien schreiben, da ich wahrscheinlich demnächst anfange, in der Physiotherapie zu helfen.

Während der Chanukkahfeiertage war ich bei Nabil, einem beduinischen Freund, der auch in Beit Uri arbeitet, zuhause eingeladen. Seine Schwester brauchte uns das Essen, das sie gemacht hatte, kam zwischendurch immer und fragte, ob wir noch etwas brauchen und als Nabil im sitzen leider seine Teetasse nicht erreichen konnte (sein Arm war 20cm zu kurz), kam sie noch mal und gab sie ihm. Ich bewerte das hier jetzt nicht weiter. Das israelische Essen besteht hauptsächlich aus Chumus (Kichererbsenbrei) in allen möglichen Formen (mit Pilzen, Huhn, Tomatensauce,…) mit Pitas (das Dönerfladenbrot), dazu gibt es Gemüse und andere Sorten von Frischkäse. Natürlich wurde mir auch die Mutter des Hauses vorgestellt, die sich sehr gefreut hat, jemanden aus Deutschland kennen zu lernen und lud mich auch zum Übernachten ein. Da ich am nächsten Tag aber arbeiten musste fuhr ich lieber wieder nach Hause.

Da ich während der Feiertage nicht zur Schule musste, konnte ich auch abends arbeiten, was es mir ermöglichte, nach Netanya zu trampen. An sich gibt es in Netanya nichts besonderes, es ist eine Stadt am Mittelmeer wie alle anderen, laut Reiseführer soll es zwar einen elf Kilometer langen Sandstrand geben, aber das bringt mir im Winter recht wenig, am 12. Dezember ist es mir im Mittelmeer doch zu kalt. Im Toten Meer übrigens noch lange nicht. Aber das Besondere an Netanya ist die Tatsache, dass dort der einzige IKEA Israels steht. Ok, eigentlich wollte ich nur wegen der Schokolade dort hin, wenn ich aber schon mal bei IKEA bin, kann ich ja auch mal schauen, ob die dort etwas Nettes für mein Zimmer verkaufen. Leider konnte mir die Frau an der Kasse nur sagen, dass sie weiß, dass es bei IKEA Schokolade gibt, bei ihr daheim in Russland gäbe es die auch, aber in Israel würden sie die nicht verkaufen. Also habe ich nur einige Kerzenständer und Kleinkrust gekauft und bin wieder heimgetrampt.

Die nächste größere Aktion hier fand am 16. Dezember statt: Wir Volontäre beschlossen, unsere Küche neu zu streichen, das alte Blau hatte eigentlich niemandem so richtig gefallen, also wurde Farbe gekauft und wir nahmen uns einen Abend Zeit um die Küche halbwegs leer zu räumen und die Wände in Rot, Gelb und Orange voll zu “wischen”. Wischen, weil wir die Farbe nicht mit Pinseln oder Rollen auftrugen – wir hätten eh keine gehabt – sondern das ganze mit Schwämmen bewerkstelligten. Irgendwann musste natürlich jemand anfangen, die anderen einzusauen und so endete der Abend in einer Farbschlacht.
Bilder gibt es natürlich auch im Internet.

Natürlich gibt es auch in einem jüdischen Staat nicht nur Juden, eine kleine Minderheit der Christen feiert auch hier in Israel “Weihnachten”. Dazu gehören unter anderem auch wir Volontäre. Da in einem recht bekannten Buch, aus dem in vielen westlichen Ländern um diese Zeit zitiert wird, häufig von “Bethlehem” im Zusammenhang mit “Weihnachten” die Rede ist, machten auch wir uns also am 24. Dezember auf den Weg dorthin. Unser Weihnachtsfest feierten wir deshalb schon am 23. Dezember, mit jeder Menge Essen und sogar mal nicht nur Leitungswasser zu trinken. Von Beit Uri bekam ich bei dieser Gelegenheit eine Kerze geschenkt.
Aber mein größtes (und trotzdem recht kleines *g*) Weihnachtsgeschenk kam ja schon am 22. Dezember: Nadja besuchte mich für 2 Wochen! Wir reisten zusammen ein bisschen durch Israel und ich genoss natürlich meine freie Zeit.
Unser Urlaub begann also am 24. Dezember, als wir nach Bethlehem aufbrachen, welches übrigens in der Westbank liegt. Supri, der für alle Handwerker verantwortlich ist, fuhr uns in die WG von Daniel und Bart in Jerusalem, mit denen wir zusammen an eines der Tore der Altstadt fuhren. Von dort aus ging es weiter mit dem Bus der Erlöserkirche nach Bethlehem. Was soll ich sagen, es sieht dort aus wie in jedem anderen arabischen Dorf, alles ist recht heruntergekommen, die Backwaren sind billig und vielleicht trübte der ganze Regen auch etwas die Stimmung. Zumindest solange wir draußen unterwegs waren. Nach dem Gottesdienst sangen wir mit der Erlöserkirche bei belegten Broten und original ostdeutschem Weihnachtsstollen einige Weihnachtslieder, wärmten uns am Tee auf und hörten eine wirklich sehr schöne Geschichte vom Weihnachtsfloh. Ausschnitte davon auf meiner Homepage, sehr zu empfehlen vor allem die Videos!

An den Weihnachtsfeiertagen hatten wir Zeit uns Jerusalem anzuschauen, ich kannte es ja schon und wollte Nadja einige schöne Stellen zeigen. Leider regnete es recht viel, so dass die Besichtigung zwar “ins Wasser fiel”, wir sie aber trotzdem nicht ausfallen ließen. Fünf neue paar Socken kosteten auf dem Souq ja auch nur 10 Shekel, also etwas weniger als 2 Euro, da kann man sich unterwegs auch mal trockene zum Wechseln kaufen. Die Nacht verbrachten wir wieder bei meinen idje-Kollegen in Jerusalem. Am nächsten Tag ging es dann weiter über das Tote Meer nach Eilat. Der Besuch in Massada, der alten jüdischen Festung, musste leider ausfallen, da sie geschlossen ist, wenn es in den Tagen zuvor geregnet hatte. Also fuhren wir gleich am 26. durch die Wüste Negev zur südlichsten Stadt Israels, dem Urlaubsort Eilat. Hier kommen die meisten Israelis eigentlich nur zum Feiern und “Party machen” hin, in den Reiseführern steht häufig man müsse sich “nach einem Urlaub in Eilat erstmal davon erholen”. Wir blieben auch nur eine Nacht, brachen am nächsten Vormittag gleich in den Sinai auf. Über Taba, dem Grenzort mit dem gesprengten Hilton-Hotel (“bekannt aus Radio und TV”), ging es direkt ab nach Sharm-el Sheik, der südlichsten Stadt im Sinai. Nach der ganzen Busfahrerei brauchten wir erstmal eine Pause, da Busfahren im Sinai ja doch ein Abenteuer für sich ist. Am 28. Dezember schauten wir uns das “Desaster” genauer an. Sharm-el Sheik ist die reinste Tourihochburg, man kann zwar schön Schnorcheln, sonst hat die Stadt selbst aber wirklich nicht viel zu bieten. Auf dem “Old Market” gab es einige Nagila-Läden und ich fand einen, der für hiesige Verhältnisse recht günstig war, so konnte ich einige “Upgrades” für meine Nagila (SchiScha) kaufen. Wer’s genau wissen will, sie hat jetzt für 105 EGP, umgerechnet ca. 13,50 EUR, eine bemalte 30cm Flasche mit 25cm drehbarem (vermutlich) Alusockel, einen 1,80m 3cm-Durchmesser Lederschlauch, ein bearbeitetes Mundstück und eine 70cm Tragetasche. Meinen alten Körper wollte ich nicht ersetzten, da er komplett aus anthrazitlackiertem Stahl ist und sehr gut verarbeitete Schraubverbindungen hat. Demnächst sollte ich noch etwas an der Verbindung zwischen dem israelischen Körper und dem ägyptischen Schlauch arbeiten, ich brauche entweder eine etwas dünnere Gummidichtung oder könnte alternativ auch den Ansatz des Schlaus etwas dünner feilen. Auch für die Verbindung zwischen Flasche und Körper brauche ich ebenfalls einen dünneren Gummiring, sollte demnächst mal in Nazareth nachschauen. Voraussichtlich liegen die Investitionen bei nochmals 1,5 EUR.
Aber zurück zum Urlaub. Nach dem Erholungstag in Sharm ging es weiter nach Tarabin, einem kleinen Dorf, nördlichen von Nouweba, idyllisch einsam am roten Meer gelegen. Offensichtlich war gerade keine Saison, wir waren, außer einer russischen Familie, die einzigen Besucher. Eine Nacht im Zimmer mit großem Doppelbett, zwei kleinen Betten und Badezimmer mit Badewanne kostete zu zweit 35 EGP, umgerechnet ca. 4,50 EUR. Auch hier blieben wir eine Nacht, am 30. Dezember machten wir uns schließlich auf nach Tel Aviv um dort Silvester zu verbringen. Tel Aviv ist zwar nicht die Hauptstadt Israels, dafür aber die “säkularste” und bevölkerungsreichste Stadt. Man merkt das auch sofort, bis auf manche Öffnungszeiten ist in Tel Aviv wirklich fast alles wie in westlichen Städten. Ok, mal ausgenommen an Silvester ;-) Die Israelis schießen da ihr Geld nämlich nicht einfach in den Himmel. Zum einen könnte es daran liegen, dass Israel halt doch ein jüdischer Staat ist, zum anderen könnte ich mir aber auch gut vorstellen, dass hier der Verkauf von Schwarzpulver ganz einfach verboten oder stark eingeschränkt ist. Ich habe jedenfalls auch nirgends Raketen oder sonstige Böller zu kaufen gesehen. Dafür schickte das Militär aber einen Suchhubschrauber mit eingeschaltetem Scheinwerfer um kurz nach zwölf an dem Strandcafé, in dem wir saßen, vorbei. Gegen halb eins im neuen Jahr verließen Nadja und ich den Strand, um 50m weiter mal wieder im Mike’s Place zur Livemusik zu tanzen. Die Band spielte leider nur bis halb vier, weswegen wir uns dann auf den Weg in die Jugendherberge machten, mussten wir doch am nächsten Morgen um 10 Uhr auschecken.

Soweit mein Bericht für 2004, nachträglich wünsche ich euch natürlich allen noch ein gutes neues Jahr 2005. Mein nächster Bericht sollte diesmal pünktlich gegen Anfang Februar kommen, darin gibt es dann eine Fortsetzung des Reiseberichts, neues über Physiotherapie (hoffe ich zumindest mal) und natürlich auch alle anderen Infos.

Bis dahin
liebe Grüße

Euer Moritz

Moritz Müller

Beit Uri
Givat Hamore
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Israel

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