March 22, 2006
2005-01 Israel
Givat Hamore , 2. Februar 2005
Shalom liebe Freundinnen/Freunde und Förderinnen/Förderer,
und wieder ging ein Monat in “der Fremde” vorüber, die mir inzwischen zwar noch keine Heimat, aber doch so nah und teilweise sogar richtig lieb geworden ist. In diesem letzten Monat ist vieles beim Alten geblieben, einiges hat sich aber auch geändert. Obwohl es eigentlich erst Ende des Monats geschah, beeinflusste mich ein Ereignis den ganzen Monat über: Ira und Steffen, zwei Mitbewohner in meiner WG, mit denen ich viel Zeit verbrachte, sei es bei der gemeinsamen Arbeit oder in Gesprächen, haben Beit Uri nach einem halben Jahr zum 1. Februar den Rücken gekehrt und sind nun – mehr oder weniger direkt – auf dem Weg zurück nach Deutschland. Ich habe es sehr genossen, mit ihnen zusammen zu wohnen/leben und möchte ihnen auch auf diesem Wege nochmals “Danke” für die gemeinsame Zeit sagen.
Nun aber zur Fortsetzung meines Reiseberichts von Anfang Januar: Ihr habt sicher noch in Erinnerung, dass ich meine Silvesternacht in Tel Aviv verbrachte, wo Nadja und ich gegen vier Uhr das Mike’s Place verließen. Am ersten Morgen im neuen Jahr (unserer Zeitrechnung) hatten wir einen Spaziergang an der Mittelmeerpromenade Tel Avivs bis nach Old Yaffo geplant. Die drei Kilometer ließen sich ganz gut laufen, es war schönes Wetter und für Januar mit ca. 20 – 25°C in der Sonne doch auch recht warm, ein perfekter Start ins neue Jahr also.
In Yaffo schauten wir uns den Hafen und einige Ausgrabungen an, immerhin soll hier einer der Söhne Noahs (dem Kerl mit der Arche) an Land gegangen sein um eben diese Stadt zu gründen. Den Nachmittag verbrachten wir auf Tel Avivs größten Einkaufsstraßen, der Sheinkin- und der Ditzengoffstreet, auf denen jede Menge moderne, kreativ eingerichtete Cafés und Läden zu finden sind.
Gegen Abend ging es dann zurück in mein schönes Lieblingsheim Beit Uri.
Die nächsten Tage “sammelte ich wieder Stunden an”, wollte ich Nadja doch einen kleinen Einblick in meinen Alltag verschaffen. Zusammenfassend kann ich sagen, dass sie nicht davon begeistert war, deutlich nach Mitternacht ins Bett zu gehen und ab sieben Uhr wieder zu arbeiten. Meine Meinung: Man gewöhnt sich an alles, sie war wohl einfach nicht lange genug da um sich mit den Beit Uri-Rhythmus anzufreunden.
Von 4. auf 5. Januar feierte Michaela in ihren Geburtstag rein, ein Grund um den Abend in einem Kibutz Richtung Haifa zu verbringen. Was mir dabei aufs Neue auffiel: Die Israelis (zumindest die, die in Karaoke-Bars gehen) können zwar mehr oder weniger alle singen, beweisen ihr Können aber nur mit den immergleichen schnulzigen Balladen, zu denen Videos von am Strand laufenden Frauen oder durch den Matsch robbenden Soldaten an die Wand projiziert werden. An solchen kleinen Dingen sieht man immer wieder, was für einen Stellenwert die Armee in diesem Land einfach hat.
Danach hat sich erstmal nicht sehr viel getan, Nadja hat Israel und somit auch mich am 6. Januar wieder verlassen. Nach den fast zwei Wochen Urlaub und der schön ruhigen Zeit verfiel ich also wieder in den gewöhnlich stressigen Trott des Alltags.
Die nächste größere Aktion war am 14. Januar ein kurz entschlossener Tramp nach Haifa, Michael und ich besuchten ein weiteres Mal unsere idje-Kollegen im Rutenberg Institut. Dort wurden dort wir zu den ASFlern (Aktion Sühnezeichen Friedensdienst) mitgenommen, man kennt sich als Volontäre in Israel ja auch “organisations- und arbeitsplatzübergreifend” durch Seminare, Ausflüge oder letztendlich über jemanden am eigenen Arbeitsplatz von einer anderen Organisation, der dann wieder Andere kennt. Die Haifaner Volontäre waren also verabredet und so verbrachten wir den Abend in einer Billardbar. Hier in Israel gibt es einen recht großen Kreis deutscher Volontäre, genau genommen kommt der deutlich größte Teil der jungen Volontäre aus Deutschland, ich bekomme also auch einige neue Kontakte in der Heimat, die nach dem Dienst hier sicher noch halten werden. Aber wieder zurück zu Haifa. Als wir dort gegen frühen Abend ankamen, schliefen unsere Kollegen noch, war doch an diesem Mittag erst ein Seminar zu Ende gewesen; an dem ich übrigens mal wieder nicht teilnehmen konnte, da nur vier Personen pro Einrichtung teilnehmen durften… Jedenfalls nutzten wir die freie Zeit ein bisschen durch Haifa zu streifen, ein weiteres Mal die Bahaigärten zu fotografieren und später vom Dach eines Hotels einige tolle Nachtbilder vom Hafenviertel Haifas zu machen. In solchen Situationen ärgere ich mich immer, dass ich kein Stativ hier habe, bei nächster Gelegenheit sollte ich vielleicht doch ein kleines tragbares kaufen. Die Bilder sind nicht wirklich scharf, da das Geländer des Hotels natürlich nie in die richtige Richtung gezeigt hat, so dass ich die Kamera einfach auflegen könnte.
Das Highlight des Wochenendes begegnete uns aber auf dem Rückweg, den Carmel mal wieder zu Fuß herunter laufend. In einem alten Industriegebiet fanden wir eine Gruppe kleiner Hunde, die unter erbärmlichen Bedingungen auf einer Art Müllkippe lebte (*dramatisier*). Kurz entschlossen wir uns einen von ihnen mit nach Beit Uri zu nehmen. Mit dem Hundebaby zusammen ging es mit dem Bus nach Afula, die Fahrt über ging alles auch ganz gut. Abends gab es eines unserer häufigen WG-Meetings, es wurde beschlossen, dass er nicht draußen und nicht alleine wohnen kann, wir “Anan” (hebr. Wolke) aber erstmal behalten wollen. Ich überspringe jetzt einfach mal die nächsten Tage, eine Woche später nahm ShuShana, die Hausmeisterin von Beit Uri, Anan mit ins Kibutz ihrer Tochter und wir waren froh wieder schlafen zu können.
Das nächste jüdische Fest, Tu B’Schwat, fand am 25. Januar statt. An diesem Tag, genau genommen ja im Judentum auch immer schon am Abend vorher, wird der Geburtstag der Bäume gefeiert. So wird es zumindest den Kindern erklärt. Die einfach historische Erklärung ist, dass man, um die Steuer auf mehrmals im Jahr Früchte tragende Pflanzen (auch hier der Zehnt) leichter bestimmen zu können, einen festen Tag im Jahr suchen muss, an dem man eben diese Steuer zahlt. Somit wird Tu B’Schwat wie Rosh HaShanah auch zu einem der vier “Neujahrstage” in der jüdischen Religion, dem Neujahr (oder eben Geburtstag) der Bäume. Das “Tu” von Tu B’Schwat drückt man auf hebräisch mit den Zeichen tet und wav aus, weiter habe ich vermutlich schon einmal geschrieben, dass es im Althebräischen keine Ziffern gab, es wurde also mit Buchstaben gezählt. Im hebräischen Alphabet (“Alefbet”, nach den ersten beiden Zeichen, “alef” und “bet”…) steht nun tet an der neunten Stelle, wav an Stelle Nummer sechs. Addiert man neun und sechs zusammen erhält man fünfzehn. Auf Deutsch bedeutet “Tu B’Schwat” also eigentlich nur “der fünfzehnte Tag im Monat Schwat”. Und schon haben wir uns den Namen eines Feiertages übersetzt, gar nicht so schwer, oder? An diesem Tag, an dem es ja auch um die Ernte geht, werden traditionell die “Früchte des Landes” in getrockneter Form gegessen, wenn es auch einige meiner Meinung nach vor 2000 Jahren in Israel noch nicht gab. Gegessen werden jedenfalls Datteln, Feigen, Oliven, kleine Orangen, Aprikosen, Pflaumen und Rosinen. Nach der Feier in der Ulam gingen wir wieder alle ins Freie und schauten zu wie Jeff, unser fünfzigjähriger Volontär aus Neuseeland, einen Baum vor der Halle pflanzte. Anschließend durfte jede Wohngruppe einen kleinen Baum mitnehmen und im Garten in der Nähe des Hauses pflanzen. So kam es dazu, dass ich im Januar meinen ersten Baum im heiligen Land gepflanzt habe, einen Zitronenbaum.
Am 26. Januar gab es ein weiteres Novum seit meiner (und vermutlich generell einiger) Zeit hier in Israel: Die deutsche Botschaft in Tel Aviv gab im Rahmen der vierzigjährigen diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland eine Party für alle Volontäre die hier leben. Inklusive Freibier (bzw. alle Getränke waren frei) und kostenlosem Essen. Eigentlich wollte ich mich ja schon bei den meisten von euch, als deutsche Steuerzahler, bedanken, aber es gehen Gerüchte um, dass der Botschafter das alles selbst gezahlt hat. Als Erinnerung an den Abend konnte ich mir eine tolle Schirmmütze mit der Aufschrift “40 Jahre diplomatische Beziehungen Deutschland – Israel” (auf Hebräisch und Deutsch) und einige Kühlschrankmagneten ergattern. Ganz offensichtlich trinken Israelis nicht so viel Gerstensaft wie deutsche Volontäre, oder es lag wirklich nur daran, dass es kostenlos war, jedenfalls war das Bier um kurz vor 23 Uhr leer. Falls ich es noch nicht geschrieben habe: In Israel fangen Partys üblicherweise gegen 24 Uhr an… Der Ort, den die Botschaft für die Party ausgesucht hatte lag zwar im Zentrum von Tel Aviv, aber die Disco sah doch etwas schäbig aus. Die Bilder sind zwar etwas verraucht, aber man erkennt doch recht deutlich, dass der Botschafter hier noch nicht selbst auf der Toilette war. Aber was solls, alles kostenlos und wir wurden sogar von Schimon mit dem Beit Uri-Bus nach Tel Aviv gefahren. Wirklich schön war es, mal wieder alle bekannten Gesichter aus ganz Israel zu sehen, so oft habe ich sie ja nicht auf einem Haufen. Auf der Rückfahrt gab es einige Überraschungen, die wirklich nicht vorauszuahnen waren, Bilder auf www.moritzmueller.com…
Von Beit Uris Sportlehrerin Nathalie, die mich offensichtlich recht gut leiden kann, wurde ich dazu überredet, am 29. Januar zur lokalen Miss Wahl, der “Miss Afula 2005″ zu gehen, ihre Tochter nahm daran teil, als eine der – wie sie mehrmals betonte – 35 Glücklichen von über 250 Bewerberinnen. Der Abend war, wie soll ich sagen, eine echte Erfahrung. Veranstaltungstechnisch haben sie hier in Afula nicht sonderlich viel zu bieten, die Beleuchtung war absolut miserabel, nur die eine hälfte des Laufstegs hatte Licht, das Funkmicro ging zwischendurch mehrmals aus und die PCs hinter den Beamern wurden während der Veranstaltung neugestartet, sodass das Bootlogo von Windows XP sichtbar wurde. Jetzt aber genug von der Technik, es ging da ja eigentlich um die Mädels – und da sah man deutlich, dass Israel einfach ein Einwanderungsland ist; die Veranstaltung hätte besser “Miss Russland in Afula” heißen sollen. Ok, auch wenn es hier um eine recht sexistische Veranstaltung angeht, braucht ihr euch nicht von meiner subjektiven Meinung abhalten lassen und könnt euch die Bilder im Internet ruhig selbst anschauen. Mir reicht das jedenfalls jetzt mal wieder für eine Weile. Zu Nathalie habe ich ja eh eine spezielle Beziehung: Sie selbst sagt immer, ich wäre wie ein Sohn für sie und sie wüsste nicht, wie sie ohne mich hier arbeiten solle – was sie allerdings schon seit sieben Jahren tut – und dass ich doch unbedingt länger bleiben soll. Es stimmt ja, ich arbeite mit ihr in der Klasse und da sie es seit einiger Zeit im Rücken hat, hebe und trage ich für sie die Kinder durch die Gegend, aber als so unersetzlich würde ich mich jetzt nicht einstufen. Auf alle Fälle ist es recht angenehm mit ihr zu arbeiten, vor allem, weil sie sehr selten Stress macht. Nachdem wir von der Miss Afula Wahl wieder erst um drei Uhr Nachts heimkamen, tranken wir am nächsten Tag in der Klasse – natürlich arbeitete ich wieder ab 7 Uhr – erstmal Kaffee und schauten die Bilder an.
Neuerdings gehe ich mit Nathalie nicht nur zusammen zur Klasse und mit den Kindern zum Sport, sondern helfe ihr auch beim Schwimmunterricht. Einer der Behinderten kann nicht richtig Schwimmen, er paddelt wie ein Hund, weshalb ich ihm in Einzelunterricht das Brustschwimmen näher bringe. Dazu fahre ich jeden Donnerstag mit Nathalie und sieben anderen Bewohnern Beit Uris nach Afula in den “Country Club”, eine wirklich schöne Einrichtung, mit Schwimmbad, Fitnessstudio, Dampfbad, Jacuzzi, Sauna und Billard- sowie Tischtennisplatten. Nach zwei Stunden Schwimmen “arbeite” ich natürlich auch noch zwanzig Minuten im Jacuzzi oder der Sauna. So lässt es sich hier wirklich aushalten!
Neben der Schwimmtherapie wollte ich euch ja auch von meiner Arbeit in der Physiotherapie erzählen, leider gibt es dazu aber noch nicht viele Neuigkeiten. Ich werde voraussichtlich an zwei Tagen in der Woche für meine Kinder die Therapie alleine übernehmen. Wie immer läuft aber hier nie etwas ohne Meeting, ich müsste mich also mit Hilmar aus meinem Haus und der verantwortlichen für die Physiotherapie zusammensetzen, was leider nicht ganz einfach ist, da sie immer nur Montags da ist, in den letzten drei Wochen aber jeden Montag ein Kind krank war, sodass Hilmar im Haus bleiben musste, oder aber Hilmar selbst war krank. Vielleicht wird es ja nächste Woche etwas, inzwischen sind meine Kinder ja auch wieder am Gesunden. Damit sind sie zum Glück nicht die Einzigen. In ganz Israel ging in den letzten Wochen ein recht aggressiver Grippevirus um, in Afula war das Krankenhaus wegen der ganzen alten Leute, die sich infizierten, mit 200 Prozent Belegung deutlich überfüllt und gegen Ende wurde auch die Ärzte selbst krank, so dass es fast niemanden gab, der die Patienten, die inzwischen schon auf den Gängen lagen, noch behandeln konnte. Aber wie gesagt, es wurde inzwischen besser.
Auch mich hatte es in den letzten Wochen ein bisschen erwischt, aber es gab einfach zu viel zu arbeiten, da ist es ungeschickt krank zu werden. Da eben viele der Arbeiter (der wenigen Arbeiter, die in unserem Haus arbeiten) auch krank wurden, habe ich 25 Überstunden angearbeitet, maximal waren es einmal 50 Stunden in einer Woche, das wurde aber in den ersten Tagen im Februar schon wieder überboten, dazu aber mehr in meinem nächsten Rundbrief. Darin könnt ihr euch auch schon auf folgende tolle Themen freuen: Meine Kinder haben Bar Mitzwah, werden also offiziell in die jüdische Gemeinde aufgenommen, in der Prozedur werde ich eine Rolle spielen, welche wird aber hier noch nicht verraten. Des weiteren werde ich mein Zwischenseminar mit Christine vom idje haben – der Organisation, die mir das hier alles ermöglicht – und habe vor, so das Wetter mitspielt, für ein Wochenende auf den Mount Hermon – mit 2814m der höchste Berg Israels – zum Snowboarden zu fahren.
Na, wir werden sehen, was wird. Zum Abschluss noch einige Neuigkeiten meine Homepage betreffend: Ich habe die Rundbriefe nun unter “diaries” auch zum Onlinelesen im unformatierten .txt-Format bereitgestellt, wenn ich mir dafür Zeit nehmen sollte, werden sie dort demnächst auch als Download in MS Word und/oder PDF erscheinen. Wie gesagt, falls ich mir dazu Zeit nehmen sollte.
Wenn nicht, werdet ihr wahrscheinlich Anfang nächsten Monat wieder von mir lesen.
Bis dahin
liebe Grüße
Euer Moritz
Moritz Müller
Beit Uri
Givat Hamore
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Israel
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