March 22, 2006

2005-02 Israel

Givat Hamore , 04. März 2005

Shalom liebe Freundinnen/Freunde und Förderinnen/Förderer,

tja, nun ging er zur Neige, mein sechster Monat im Ausland, seit 1. März lebe ich ein halbes Jahr in Israel. Ein kleiner Rückblick? Klar, im Nachhinein verging die Zeit schnell, aber so habe ich doch auch gelernt, dass ein einzelner Tag verdammt lang sein kann, sei es auf der Arbeit oder auf einem meiner Ausflüge. Generell denke ich trotzdem, dass es noch zu früh für einen zusammenfassenden Eindruck ist.
Aber mal zu den praktischeren Dingen: Ab dem sechsten Monat bekommt man in Beit Uri eine „Taschengelderhöhung“, statt der 500 NIS bekomme ich für den nächsten Monat ganze 600 NIS, nach aktuellem Kurs sind das immerhin 17,35 EUR mehr… hehe.

Ich habe das Gefühl, in den letzten Briefen etwas zu wenig über meine eigentliche Arbeit geschrieben zu haben, der Schwerpunkt lag doch deutlich auf meinen Reisen, also der Freizeit. Bei 57 Arbeitsstunden in der ersten Februarwoche, in der ich auch auf meine(n) freie(n) Tag(e) verzichtete, gefolgt von 45 Stunden in der zweiten, macht diese doch einen nicht zu verachtenden Anteil meiner Zeit hier aus. Da ich also von diesen ersten beiden Wochen eh von keiner Unternehmung berichten kann, fange ich einfach mal direkt damit an, „meine“ Kinder zu beschreiben. Leider habe ich auch jetzt wieder das Problem der rechtlichen Vorgaben, ich darf ihre Namen nicht ausschreiben, ihr müsst euch folglich mit den Anfangsbuchstaben begnügen. Da hebräischen Namen keine offizielle Übersetzung in lateinische Lettern haben, konnte ich sie um Verwechslungen vorzubeugen so hinbiegen, dass kein Buchstabe doppelt vorkommt.

Natürlich versuche ich so gut es geht, alle Kinder gleich zu behandeln, habe aber – welch menschliche Eigenschaft – doch einige Lieblinge: Eines unserer beiden Trisomie-21-Kinder ist T, er ist 14, unser Ältester also, und hat drei große Leidenschaften: Musik, Wasser und alle Arten von Bildern. Schon morgens, wenn ich ins Haus komme, begrüßt er mich mit der einen Hand am Ohr, der anderen auf dem Mund und versucht eine Art Indianerruf hinzubekommen. Leider ist er nicht so geschickt, man muss seine Hand nehmen und damit selbst gegen seinen Mund „klatschen“ damit es einigermaßen echt klingt. Sollte die Hand einmal nicht am Mund sein, zeigt T, wie schnell er, der sonst so träge ist, doch rennen kann und drückt sein Ohr gegen die nächste Geräuschquelle. Sich ihm in den Weg zu stellen ist dabei so gut wie aussichtslos: T hat Kraft wie ein kleines Pferd und dazu eine recht beachtliche Masse am Körper, die erstmal gestoppt werden muss. Diese kommt wahrscheinlich daher, dass T einfach alles isst, was ihm in den Weg kommt. Wenn ich also mal wieder am Waschbecken stehe um alle möglichen Blumen- oder Erdreste aus seinem Mund zu „erkämpfen“ dreht er gerne den Wasserhahn auf um sich darunter zu hängen oder stellt sich, wenn ich ihm gerade neue Kleider angezogen habe und feststelle, dass die Schuhe noch draußen sind in der Zwischenzeit durchaus auch mal mit eben den neuen Kleidern unter die Dusche… Wir haben auch einen kleinen Springbrunnen in Beit Uri, dessen Existenz, wie ich erst kürzlich erfuhr, vor T geheim gehalten wird. Obwohl er den ganzen Tag eigentlich davon abgehalten werden muss, irgendwelche Dummheiten zu machen, hat er auch ruhige Phasen, eben dann, wenn er Freitagmorgens Musik hören darf oder in der Klasse ein Bilderbuch in die Hand bekommt. Dann sitzt er ganz still da und schaut sich meist Tiere intensiv an. T wurde von seinen Eltern im Krankenhaus liegen gelassen, nachdem diese erfuhren, das er am Down-Syndrom leidet, die ersten Jahre verbrachte er in verschiedenen Heimen, in denen nirgendwo richtig mit ihm gearbeitet wurde. Seit seinem sechsten Lebensjahr wohnt er in Beit Uri. Warum ich das alles erzähle? Man merkt deutlich, dass ihm in seinen Kleinkindjahren zu wenig Geborgenheit gegeben wurde, wann immer es geht umarmt er jeden, dem er begegnet. Leider kann er dabei seine Kraft nicht richtig einschätzen…

Ein weiterer meiner Lieblinge ist E, der selbstständigste unserer Jungs. Nach dem Aufstehen ist er eigentlich immer etwas griesgrämig, würde er doch gerne noch etwas länger schlafen. Aber wem geht es denn nicht so? E leidet an einer etwas merkwürdigen Krankheit: Er bleibt ständig in seinen Erinnerungen hängen. Die meiste Zeit nagt er an seiner Hand, macht dabei Brummgeräusche und erzählt Dialoge, die er irgendwann in der Vergangenheit aufgeschnappt hat, sehr emotional nach. Häufig schimpft er dabei auch mit sich selbst. Die einzige Möglichkeit in aus dieser Phase herauszuholen sehe ich bisher darin, seinen Kopf in die Hände zu nehmen, ihm direkt in die Augen zu schauen, versuchen, ihn zum Zurückschauen zu bringen und ein paar Mal seinen Namen zu rufen. Leider stellte sich das des Öfteren als nicht ganz Ungefährlich heraus, da es einer seiner Ticks ist, andere Leute zu kratzen, was ihn auch bei einigen Arbeitern etwas unbeliebt gemacht hat. Bei mir wurde es aber wirklich besser, selten kratzt er mich oder spuckt mir, wie er es am Anfang gerne getan hat, noch ins Gesicht. Unsere Auseinandersetzungen verlagern sich jetzt in andere Bereiche. So zum Beispiel im Badezimmer: Die Notwendigkeit des Zähneputzens ist für ihn, wie für so viele unsere Kinder, leider nicht begreiflich, er würde diese Tätigkeit also am liebsten auf ein Minimum, sprich drei bis vier Sekunden, reduzieren. Momentan arbeite ich auch daran, ihm beizubringen, dass man Toilettenpapier vor Gebrauch faltet, nicht einfach zu einem möglichst kleinen Ball zerknüllt… Da seine körperliche Entwicklung eigentlich ganz normal verläuft, ist er mit seinen 13 Jahren auch der einzige, der nie einen Mittagsschlaf macht. Ihr könnt euch denken, dass er nicht begeistert davon ist, wie die anderen auch, zwischen 13 und 15 Uhr in seinem Zimmer zu sitzen. Andererseits müsste er aber daran gewohnt sein, da er jedes Mal, wenn er in einem plötzlichen Anfall von Aggressivität jemanden kratzt oder umschubst als „onesch“ (Strafe) in sein Zimmer muss, bis derjenige, der ihn ins Zimmer geschickt hat kommt, mit ihm über seine Tat spricht und er wieder raus darf. E ist eigentlich eine Rarität in Israel, er ist arabischer Jude, etwas, dass man hier nicht so oft zu sehen bekommt. Genau genommen ist seine Familie die einzige dieser Art, die ich bisher gesehen habe. Auch beim Spazierengehen ist er einer derjenigen, die keine ausgetretenen Wege gehen. Und zwar wörtlich: Man findet ihn danach immer in einer anderen seiner Lieblingsecken von Beit Uri wieder…
Was mich an E wirklich fasziniert, ist sein Gedächtnis. Abgesehen davon, dass er sich die ganzen Gespräche merken kann, braucht er ein Lied nur einmal zu singen um den Text zu können. Nicht selten hört man so auch russische oder manchmal deutsche Lieder bei uns, er weiß zwar nicht, was er singt, aber es macht ihm Spaß und er kann sich wirklich alles merken. Würde er sich nur einmal richtig auf etwas konzentrieren…

Da ich zwar alle meine Kinder in der dirah mag, aber Lieblinge eben doch noch mal etwas Besonderes sind, habe ich den Kreis, den ich damit bezeichnen möchte, auf drei Mitglieder begrenzt. Eben jenes letzte „besondere Lieblingskind“ ist S, mit seinen zehn Jahren unser Jüngster. Er ist einer der Externen, kommt also jeden Morgen um 7:30 Uhr und wird gegen 17:45 Uhr wieder abgeholt. S ist, auch wenn er manchmal so guckt, körperlich nicht beeinträchtigt, dafür aber wirklich hyperaktiv. Und mit hyperaktiv meine ich nicht nur „Zappelphillip“, S kann wirklich keine fünf Sekunden ruhig sitzen. Es fängt damit an, dass ich ihn jeden Morgen am Tor abhole: Der Taxifahrer lässt ihn los, um seinen Rucksack aus dem Kofferraum zu nehmen und schon ist er am Tor, würde mich am liebsten umrennen um ja so schnell wie möglich an etwas zu essen zu kommen. Wenn das nicht klappt und ich ihm erst den Rucksack aufziehen möchte wird auch schon mal ein Toilettenbedürfnis simuliert. Im Haus landet der Rucksack in der ersten Ecke und der nächste Stuhl aus dem Esszimmer wird in die Küche gerückt, wo – die anderen Kinder haben schon gegessen – sein Teller wartet. Da er mit zehn Jahren erst ein paar Wörter sprechen kann zieht und schiebt er eben, um auszudrücken, was er haben möchte, immer alles, was irgendwie in seinen Einflussbereich kommt durch die Gegend. Spätestens nach dem Essen wird es aber wirklich Zeit für den ersten Toilettengang, der sich im Laufe des Tages jede halbe Stunde wiederholen wird – es sei denn, ich möchte ständig Hosen wechseln…
An die Schule hat sich S inzwischen gewöhnt, gerade aber was Eurythmie angeht, gefallen ihm jegliche Art von Formen ganz und gar nicht; er fühlt es sofort, wenn wir einen bestimmten Kreis oder die „schmone“, die „Acht“ laufen wollen und liegt schreiend auf dem Boden. Wer ihn in diesem Zustand davon überzeugen möchte, dass unsere Figuren doch eigentlich Spaß machen und ihm sicher etwas Ruhe geben würden erntet lediglich blaue Flecken und blutige Abdrücke seiner Zähne. Die einzige Möglichkeit ihn dann wieder zu beruhigen liegt darin, mit ihm durch Beit Uri zu laufen. Wichtig ist dabei gar nicht wohin wir laufen, sondern lediglich, dass er laufen kann und im Freien ist. Was das Essen anbelangt, ist S allen anderen Kindern in meinem Haus weit voraus: Er weiß zumindest theoretisch wie man ein Messer benutzt. Praktisch hapert es meist noch an der fiesen Kleinigkeit, dass man ein Messer auf mehrere Arten halten kann und man mit einigen dieser Möglichkeiten schneller ans Ziel kommt, als mit anderen. Aber wenn es etwas Gutes zu Essen gibt, stört man sich ja nicht an solchen Kleinigkeiten, meist leert er zu dem Zeitpunkt, zu dem ich meinen ersten Teller beende, gerade seinen dritten…
Auch S hat Probleme mit Wasser, was natürlich besonders ungeschickt ist wenn es – wie den Winter über fast jeden Tag – regnet. An solchen Tagen steht er am vergitterten Fenster, schreit unermüdlich, beißt jeden, der in Reichweite kommt – notfalls sich selbst – und gibt auch jetzt erst wieder Ruhe, wenn der Regen nachlässt oder ihn jemand mit nach draußen nimmt. Sobald er aber wieder ins Haus kommt und es draußen noch regnen sollte geht das Gezeter wieder von vorne los. Ma lassot. („Was soll man machen?“).

Das waren jetzt erstmal meine drei Lieblinge unter unseren zehn Kindern, die restlichen werde ich sicher noch beschreiben, aber da ich jetzt bereits bei 1650 Wörtern bin, sicher nicht mehr in diesem Rundbrief, wollte ich doch noch erzählen, was ich im letzten Monat so vollbracht habe:

Wie weiter oben erwähnt, verbrachte ich die ersten beiden Wochen in Beit Uri, da es wirklich genug zu tun gab. Die erste Woche war voller Vorbereitungen für die Bar Mizwah (bzw. bei Mädchen „Bat Mizwah“) am 7. Februar. Bei dieser Zeremonie werden die Kinder in die jüdische Gemeinde aufgenommen und dürfen zum ersten Mal vor der Gemeinde den wöchentlichen Abschnitt aus der Thora lesen. Gestaltet sich etwas schwierig, wenn die Kinder nicht sprechen können meint ihr? Stimmt theoretisch auch. Beim Glaubensbekenntnis reißen sie deswegen einfach Klett-zettel von einer Wand ab und der Rabbi liest vor, was darauf steht, das reicht dann auch. Da die Bar Mizwah für einen Juden ein sehr wichtiges Fest ist, kamen für manche Kinder sogar Verwandte von Übersee angereist. Leider nur für manche. So hat T zum Beispiel keine Verwandte, Beit Uri hat zwar die Adresse seine Eltern, aber für sie existiert er nicht. Dazu fallen mir keine Worte ein. Aber nun endlich zu meiner Rolle in der Zeremonie: In Beit Uri gibt es die Besonderheit, dass jedes Kind eine Art Segnungsspruch bekommt, im Gegensatz zum Christentum ist das im Judentum nicht üblich. Ich habe nun während der Feier auf T aufgepasst, damit er zur richtigen Zeit das tut, was er tun soll und, jetzt das Besondere, habe seinen Segnungsspruche, den „bracha“, für ihn gesprochen. Im hebräischen Original war das
„baruch ata adonai, eloheinu melech ha olam, natat-li osnaim cedei lehakschiv laolam“,
übersetzt etwa „Herr du bist der Vater, Gott, der König der Welt, du gabst mir Ohren, um die Welt zu hören“. Meiner Meinung nach also ein sehr passender Spruch.

Am 12. Februar traf ich Ira zwei Tage vor ihrem Abflug noch einmal in Jerusalem, sie reiste nach ihrer Arbeit in Beit Uri noch etwas herum.

Nach meiner Rückkehr hieß es dann auch gleich aufs Neue aufbrechen, um an meinem ersten Seminar, dem Zwischenseminar meiner Organisation, teilzunehmen. Das ganze fand in Nes Ammim statt, einer christlichen Dorfgemeinschaft in der Nähe von Nahariya, an der nördlichen Mittelmeerküste. Das Seminar selbst verlief wie die meisten Seminare dieser Art ablaufen, wir hörten Vorträge von Personen verschiedener Meinungen und tauschten unsere Erfahrungen aus. Da die meisten Probleme, die hier in unserer Einrichtung auftauchten, schon in den ersten Monaten von uns selbst gelöst wurden, gab es nur wenig Negatives. Im Rahmen des Seminars besuchten wir das Museum „yad layeled“ („Hand dem/für das Kind“), welches polnische Holocaustüberlebende zur Erinnerung an die vielen leidenden Kinder errichteten. In diesem Museum werden erschreckend viele Einzelschicksale näher beleuchtet.

Direkt im Anschluss an das Seminar machte ich mich auf den Weg, den Norden zu Erkunden. Von Akko aus ging es mit dem Bus nach Qiriat Schmonah, der nördlichsten Stadt, die mit öffentlichen „Egged“-Bussen (das Intercity-Busunternehmen) zu erreichen ist. Von hier aus weiter, zuerst nach „Tel Hai“, dem Ort, an dem die sich die erste „Israelien Defence Force“-Einheit formierte. Anfang des 20. Jahrhunderts nannte sich diese noch „Jewish Defence Force“. Bilder des restaurierten Freilichtmuseums gibt es wie immer auf meiner Webseite www.moritzmueller.com. Nach Tel Hai setzte ich meine Reise nach Metulla, an der libanesischen Grenze fort. Falls es nicht allen bekannt sein sollte: Israel ist mit Syrien und dem Libanon nicht gerade befreundet, an ihren gemeinsamen Grenzlinien gibt es keine Übergänge und wer einen israelischen Stempel im Pass hat, kommt damit nicht in oben genannte Länder. Bei Metulla gab es jedenfalls wirklich keinen Grenzübergang, nach drei „Stop! You’re entering a military closed area! Border ahead!“-Schildern war tatsächlich nur ein militärischer Stützpunkt zu finden. Ich verzichtete nach dem dritten Schild darauf, noch weiter zu laufen, da mir ein in dem Gebiet arbeitender Bauer versicherte, dass ich dort nur Ärger finden würde. Also wieder raus aus dem Sperrgebiet und auf der gegenüberliegenden Seite von Metulla in ein Naturschutzgebiet. Dort gibt es den mit 18m höchsten Wasserfall des Nordens, der offensichtlich nicht nur unter Einheimischen sehr beliebt ist.

Am 26. Februar geschah dann das Unfassbare:
Feno wollte am Morgen des 27. Februar zurück nach Deutschland fliegen, wir hatten geplant, den Abend vorher in Tel Aviv in einer Disco oder einem Pub zu verbringen und uns dann gegen 3 Uhr auf den Weg zum Flughafen zu machen. Vorher war Feno noch von einem Arbeitskollegen zum Essen eingeladen, eigentlich wollte sie um 22 Uhr wieder da sein und wir uns auf den Weg nach Tel Aviv machen. Wie so häufig (gell, Feno, immer mussten wir auf dich warten… *g*) war sie etwas später, erst um 23 Uhr, wieder zurück und wir fuhren los. Auf dem Highway bekamen wir dann die Nachricht: Um 23:15 Uhr hatte sich ein Selbstmordattentäter vor einem Club in Tel Aviv in die Luft gesprengt und vier Menschen mit sich in den Tod gerissen, 50 weitere verletzt! Wir hatten in ein Pub, 300m von der gesprengten Disco die Straße herunter gewollt und fuhren so natürlich am Ort des Geschehens vorbei. Alle möglichen Dinge lagen auf der Straße herum, kaputte Autos standen noch am Rand und die umliegenden Geschäfte hatten zerbrochene Scheiben, ihre Waren lagen herum… Die Verletzten waren glücklicherweise schon alle auf mehrere Krankenhäuser verteilt worden, so dass der Anblick nicht ganz so schrecklich war. Einige teils verschwommene oder unscharfe Bilder gibt es auf meiner Webseite.

Ja, seit dem Anschlag hat sich in Israel wieder einiges geändert. Letzte Woche wurde in Jenin, einem palästinensichen Flüchtlingslager zehn Kilometer von Afula entfernt, ein mit mehr als 200kg Sprengstoff beladenes Auto gefunden, kurz danach eine Werkstatt für Qassam-Raketen, von denen schon einige schussbereit auf Afula warteten. Um mich braucht ihr euch trotzdem nicht zu sorgen, ich wohne außerhalb Afulas, auf einem Berg. Von hier kann ich zwar wunderbar auf Jenin und Afula blicken, würde also die Raketen fliegen sehen, aber getroffen werden können wir nicht. Für die meisten geht der Alltag ganz normal weiter, man merkt aber, dass die „Hoffnungsblase“ geplatzt ist. Um einen Arbeitskollegen von mir zu zitieren:
„Es ist doch immer so, wenn es mal nach Frieden aussieht jagt sich eh wieder irgendwo einer in die Luft…“
Zum Glück hat Israel nicht mit einem Gegenangriff reagiert, was die Situation deutlich entschärfte, aber ihr könnt euch sicher denken, dass man einen Terroranschlag in der bevölkerungsreichsten, jüngsten und säkularsten Stadt des Landes nicht einfach ignorieren kann. So bleibt jetzt spannend, in wie weit Syrien eine Beteiligung in den Anschlag nachgewiesen werden kann. Falls die Drohungen eines militärischen Aufmarsches in Syrien wahr gemacht werden sollten, wird man mir eine Ausreise empfehlen.

Noch ist es zum Glück ja nicht soweit, hoffen wir auf das Beste, vor allem die verbesserte Zusammenarbeit der Autonomiebehörde mit Israel nach dem Anschlag lässt doch schon wieder neue Hoffnung keimen.

Im März werde ich jedenfalls meine freien Tage genießen, habe ich mir doch, da meine Eltern mich besuchen kommen und wir uns zusammen das Land anschauen wollen, wieder Urlaub genommen. Außerdem gehen Gerüchte um, dass wir Volontäre doch auf den Beit Uri Urlaub im April nach Eilat mitfahren können, noch nichts endgültiges, aber in diesem Land beruht ja so vieles auf Hoffnungen.

Auf meiner Homepage habe ich wieder einige Teile geändert, sie ist jetzt MySQL basiert und ich habe ein Gästebuch integriert… Falls es also zu lange dauern sollte, eine eMail zu schreiben, könnt ihr mir in Zukunft auch auf diesem Weg auf die Rundbriefe antworten…
In meiner freien Zeit werde ich auch weiterhin immer wieder kleine Sachen an der Seite ändern, es rentiert sich also immer mal wieder vorbei zu schauen. Heute Mittag erst habe ich zum Beispiel die Videos von Januar und Februar aktualisiert. Auch wenn die Qualität etwas zu wünschen übrig lässt, so bekommt man doch einen kleinen Eindruck von meiner Welt hier „unten“. So, um aber nicht doch noch über die 3000 Wörter zu kommen, sollte ich langsam Schluss machen, weitere Neuigkeiten gibt es wieder Anfang April 2005.

Bis dahin
liebe Grüße

Euer Moritz

Moritz Müller

Beit Uri
Givat Hamore
18750 Afula
Israel

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