March 22, 2006

2005-04 Israel

Givat Hamore , 1. Juni 2005

Shalom liebe Freundinnen/Freunde und Förderinnen/Förderer,

da es am Schwierigsten ist, einen Anfang aufs Papier zu bekommen – insbesondere, wenn man noch nicht einmal auf Papier schreibt – bin ich auch diesen Monat wieder vergeblich auf der Suche nach einer passenden Einleitung zu meinem Rundbrief.
Politisch gesehen blieb hier in Israel alles beim Alten: Die Siedlungen im Gaza-Streifen sollen noch immer geräumt werden, die Siedler aus Gush Kativ protestieren noch immer dagegen, jede Woche wird irgendwo ein neuer Terrorist gefangen genommen und die Raketeneinschläge lassen auch nicht nach. So schnell wird sich an dieser Situation auch nichts ändern, die extremen Elemente auf beiden Seiten verhindern irgendeine Besserung.

Ähnlich wie an der gesamten Situation, hat sich auch bei mir im letzten Monat nicht sehr viel getan. Die ersten Tage waren zwar noch recht erlebnisreich – hatte ich doch noch Besuch von meinen Eltern – sobald diese aber das Land verlassen hatten, artete mein April in Arbeit aus. So hatte ich in der ersten Woche zwar noch einen Tag frei, mit 55,5 Arbeitsstunden aber trotzdem wieder einiges geleistet. In der zweiten Woche entfielen meine freien Tage ganz und ich steigerte mein Arbeitspensum gar auf 56 Stunden. So konnte ich schon in den ersten beiden Wochen wieder über 30 Überstunden ansammeln, wodurch mein Kurzurlaub im Schwarzwald Mitte Mai nun doch noch möglich wurde.

Nun aber wieder zurück zu meinen Erlebnissen, so gab es im April doch wenigstens ein sehr interessantes Fest: Pessach; dazu aber später mehr, ich möchte wirklich von Anfang an berichten.

Am ersten April machten meine Eltern, mein Kollege Jörg und ich eine kleine Rundtour in den Norden: Über das Castle Montfort, die älteste so erhaltene Burg der Kreuzfahrer, ging es ein weiteres Mal nach Akko – meinem Lieblingsort um die Sonne über dem Mittelmeer untergehen zu sehen. Es ist einfach schön, dort den Arabern zuzuschauen, wie sie die Kohlen für ihre Nagilas auf diesen kleinen Öfen anheizen, ein bisschen durch die Altstadt zu schlendern, über den arabischen Markt zu laufen und schließlich den alten Hafen zu erreichen, von dem aus man eine wunderbare Sicht auf den Horizont, die untergehende Sonne und Haifa hat, das sich im Süden über dem Carmel erstreckt. Ich kann wirklich verstehen, warum die Kreuzfahrer ausgerechnet hier geblieben sind.

Kurz nachdem meine Eltern das Land (ivrit: „ha’aretz“) verließen, hatte ich meinen ersten größeren Ausflug mit den Kindern. Wir besuchten die „cotel“, wie die Klagemauer auf hebräisch genannt wird. In Jerusalem komme ich inzwischen ja quasi im Schlaf zurecht, aber mit den Kindern ist so ein Ausflug etwas ganz Besonderes: Noch nie zuvor hatten sie eine so große Stadt gesehen, noch nie waren sie unter so vielen Menschen. Da ist selbstverständlich alles neu und richtig spannend. Für T, der ja jede Art von Geräuschen liebt, war der Hinweg zur Klagemauer das Größte: an jeder Ecke etwas anderes zu Hören, tausende von Leuten, die geradezu danach schreien, gezwickt zu werden, und es gibt so viele Dinge, die man sich in den Mund stecken kann; schlicht das Paradies auf Erden. An der Klagemauer selbst angekommen teilten wir uns in zwei Gruppen, Chamudi und ich mit den vier Jungs, Ester, Hilla und Gilbert mit den beiden Mädels. Da wir nur zwei männliche Arbeiter waren, nahm jeder von uns einen der Jungs und wir machten uns zu viert auf in den für Männer reservierten Bereich. So kam es zu einer denkwürdigen Situation: Chamudi, gläubiger Moslem, Ich, zumindest auf dem Papier Christ, und die jüdischen Kinder beten zusammen an der Klagemauer. Da wir keinen „ausgebildeten“ Juden dabei hatten, wussten Chamudi und ich also nicht wirklich, was wir mit den jüdischen Kindern machen sollten, improvisierten also einfach. Auf dem Vorplatz der Klagemauer blieb mir kurz das Herz stehen: E, unser Selbstständigster, mit dem ich zu den Zeitpunkt unterwegs war, riss sich auf dem heiligsten Platz des Judentums die Kippa vom Kopf, warf sich auf den Boden und schrie am laufenden Band „lo! Ani lo rotze!“ („Nein! Ich will nicht!“). Nach eifrigem guten Zureden und einigen Bonbons, die mir ein Passant schenkte ließ er sich fünf Minuten später schließlich davon überzeugen, wenigstens zur Mauer mit zu kommen. Dort übernahm ich T und Chamudi konnte die Situation wieder entschärfen. Nach einem Museumsbesuch über den Tempel und einem Picknick im jüdischen Viertel kehrten wir Jerusalem den Rücken. Auf dem Rückweg löste ein tödlicher Autounfall auf der Straße vor uns einen langen Stau aus, weswegen wir eine Stunde länger nach Hause brauchten. Während wir also feststeckten, hörten wir im Radio, dass an der Raststätte, an der wir morgens Halt gemacht hatten eine Bombe gefunden und ein Selbstmordattentäter daran gehindert wurde, auf eine Gruppe Soldaten zu Feuern. In der Altstadt von Jerusalem schließlich wurde ein Soldat angestochen. Nachrichten in Israel eben. Insgesamt war der Ausflug sehr schön, wenn ich doch nach einem 14-stündigen Arbeitstag auch froh war, wieder nach Beit Uri zu kommen.

Ein paar Tage später nutzte ich die Chance, meine Schwimmgruppe zu einem Wettbewerb in Hadera zu begleiten, einer Stadt am Mittelmeer, in der hauptsächlich russische Neueinwanderer leben. Wir hatten zwar jede Menge Spaß, nahmen aber außer einer Gold- und einer Bronzemedaille nur Trostpreise mit nach Hause.

Wie bereits erwähnt, gab es sonst nicht sonderlich viel Interessantes zu erzählen, ich arbeitete in den kommenden Wochen recht viel.

Der nächste, für mich sehr bedeutende Ausflug war mein Besuch in Yad VaShem, dem israelischen Holocaust- („shoa-“) Museum. Sicher, wir alle haben schon dutzende Male Bilder und Filme über den Zweiten Weltkrieg gesehen, jeder hat dieses Thema zur Genüge in der Schule besprochen, aber es ist einfach unbeschreiblich, welche Gefühle ein Besuch dieses Museums in Israel zusammen mit den jüdischen Mitbürgern auslösen können. Im Museum traute man sich fast nicht Deutsch zu sprechen… und draußen angekommen hatte ich große Lust meinen deutschen Reisepass einfach zu verbrennen. Nach kurzer Zeit rettete ich mich aber durch den Gedanken, dass das sicher das falsche Signal wäre, das ich als junger Deutscher setzen kann, aus meinem Zwiespalt – hatte ich doch mein Visum für Israel in eben diesem Reisepass.

Nun aber endgültig zum Highlight des April: Pessach.
In Deutschland kennen es viele eher als das „Passafest“, vor allem daher, weil Jesus es als „letztes Abendmahl“ mit seinen Jüngern feierte. Der Hauptgedanke in dieser Zeit ist der Auszug aus Ägypten und damit fest verbunden natürlich die Geschichte Moses. Wer zu dieser Zeit schon einmal in Israel war, wird das Essen eher in schlechter Erinnerung behalten haben: So dürfen die Juden in dieser Zeit keine gesäuerten Nahrungsmittel zu sich nehmen und generell auch nicht in ihrem Besitz haben. „Gesäuert“ heißt „alles das gären kann“ oder daraus gemacht ist. Aus dem Speiseplan fallen also beispielsweise grundlegende Nahrungsmittel wie Brot, Getreidenudeln, Erdnussflips/Chips, Kuchen und natürlich Bier. Übrig bleibt eigentlich nur Maza, welches man im Volksmund als jüdisches Knäckebrot bezeichnet. Ganz so einfach ist es dann doch nicht: Damit Maza kosher für Pessach ist, muss der ganze Vorgang vom Rühren, Kneten, Ausrollen und Backen in 18 Minuten abgeschlossen sein. Glücklicherweise genau die Zeit, die man sowieso dafür braucht, wenn man nicht trödelt oder sich beeilt. Eine Sache gibt es noch, die an Pessach zu Haufe gegessen wird: Kokoskekse – eine der wenigen verbliebenen Formen von Süßigkeiten. Um seinen Supermarkt kosher zu halten, muss man an Pessach alle gesäuerten Lebensmittel unzugänglich machen, was zu einigen Verwirrungen beim Einkaufen führte: Die Hälfte der Produkte sind tatsächlich zugeklebt und der Süßigkeitengang versperrt. Der Höhepunkt des siebentägigen Festes ist der Sederabend, der erste Abend an dem nur noch ungesäuert gegessen wird. Gläubige Juden dürfen einen Monat vorher keine Mazot mehr zu sich nehmen. Um das traditionelle Sederessen wird ein riesiges Theater veranstaltet, es gibt sogar ein eigenes Buch dafür, die „Hagadah“, in dem beschrieben wird, wie der Abend ablaufen muss. Gegessen werden eine Art Salat, Eier, ein süßer, brauner Brei, Bitterkräuter, Meerrettich und eben Mazot. Bitterkräuter müssen dabei in Salzwasser getaucht werden. Selbstverständlich haben diese Speisen im Judentum alle ihre symbolischen Bedeutungen, so steht der braune Brei beispielsweise für den Lehm aus dem die Israelis in der ägyptischen Gefangenschaft die Ziegel fertigten, die Bitterkräuter stehen für das Leid das sie dort erfahren haben und so weiter. Falls es manchen nicht bekannt sein sollte: Das Brot (Maza) ist ungesäuert, weil die Israelis nach den Plagen Ägypten blitzartig verlassen mussten und ihr Brot backten, ohne es gehen zu lassen, eben in 18 Minuten. Während dem Essen wird die Geschichte des Auszugs aus Ägypten vorgelesen und bei bestimmten Wörtern jeweils ein Glas Wein getrunken.

In den weiteren Pessachwoche hatten wir keine Schule, weshalb ich unter der Woche einige Tage frei bekam und diese nutzte um ein weiteres Mal Jerusalem zu erkunden… man entdeckt ja doch jedes Mal etwas Neues in dieser Stadt. Auch zu Pessach musste ich nicht unbelehrt nach Hause fahren: Nach einer unangemeldeten Übernachtung im Nonnenkloster von En Karem fand ich eine Ausstellung über die Israelische Bahn in der Davidszitadelle und wandelte bei schönstem Wetter über die Stadtmauer.

Es kommt euch nicht nur so vor, im April lief bei mir also nicht so viel wie in den letzten Monaten, aber manchmal ist ja auch der Alltag schon Herausforderung genug.

So hoffe ich denn, euch nächsten Monat etwas mehr schreiben zu können und verbleibe mit lieben Grüßen in die Heimat. Manch einer weiß ja bereits, dass ich im Mai einen kleinen Besuch plane.

Bis dahin
liebe Grüße

Euer Moritz

Moritz Müller

Beit Uri
Givat Hamore
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Israel

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