March 22, 2006

2005-05 Israel

Givat Hamore , 16. Juni 2005

Shalom liebe Freundinnen/Freunde und Förderinnen/Förderer.

Die durchgeschwitzte Gestalt liegt leicht bekleidet auf der Matratze in der Ecke des niedrigen Raumes. Unruhig wendet sie sich in ihrem Dämmerzustand von einer Seite auf die Andere, aber der Schlaf will sich einfach nicht einstellen. Erst vor einer halben Stunde war er aus der kalten Dusche gestiegen – und doch ist die Hitze schon wieder schier unerträglich.

So oder so ähnlich könnt ihr euch momentan meine Nächte vorstellen. Ja, der Sommer kommt zurück. Und das zwar nicht unerwartet, aber doch nicht ohne Folgen. Seit einem Monat kann ich nachts wirklich fast nicht mehr schlafen – es ist beim Einschlafen einfach viel zu warm, mitten in der Nacht wacht man aber wieder auf, plötzlich ist es wieder kühler und nachdem man sich dann zugedeckt hat ist es plötzlich zu heiß. Ihr kennt das sicher aus dem Urlaub. Mein Blick auf die Temperaturseite in der Zeitung sagte mir im Mai, dass es in Tiberias 37°C warm war, glücklicherweise kühlte es nachts aber auf angenehme 29°C ab ;-) .

Mein diesmonatiger Rundbrief wird vermutlich wie die April-Ausgabe etwas kürzer ausfallen – hauptsächlich wegen meines zehntägigen Schwarzwaldurlaubs, den ich vermutlich nur am Rande kommentieren werde.

Die Eltern meines Volontärskollegen Jörg kamen Anfang Mai zu Besuch, was uns in den Genuss eines Leihwagens brachte. Am 7. Mai wurde dieser natürlich gleich ausgenutzt: In einer großen Rundtour fuhren wir um den Kinneret, besichtigten dort (für mich bereits zum zweiten Mal) den mit 52m höchsten Wasserfall Israels in der alten Stadt Gamla. Nach einer kleinen Wanderung von zwei Stunden erholten wir uns in einem erfrischenden Bad im See Genezareth bis wir schließlich durch Tiberias bummelten, dort zu Abend aßen und nach Beit Uri zurück fuhren.

Bevor ich mich dann nach Deutschland aufmachte, lud mich Hilla ein, doch einmal ihr Kibbutz zu besichtigen. Diese Einladung kombinierte ich mit den Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag, die in Israel vom 11. auf den 12. Mai stattfinden. Da das Kibbutz, in dem Hillas Eltern leben, nur vier Kilometer von Gaza-City entfernt liegt, lag also auch ein kleiner Abstecher in den Gaza-Streifen nahe. Vor dem Abendessen trampte ich also in die Gebiete und machte mir einen eigenen Eindruck von Gush Katif, der Siedlung im Gaza-Streifen, die nun im August geräumt werden soll. Bei der Fahrt dorthin konnte ich auch zahlreiche wirklich heruntergekommene Arabersiedlungen anschauen: Genau genommen sind es eigentlich eher Mülldeponien, auf denen ein paar Blechhütten stehen, dazwischen einige im Dreck spielende Kinder. Wenn dem Gebiet ein Auto zu nahe kommt, wird es bestenfalls mit Steinen beworfen, mit etwas Pech hat einer der Bewohner auch eine selbstgebaute Pistole griffbereit. Was bei Gesprächen mit Israelis, die in den Gebieten wohnen – oder sich häufig an der Grenze aufhalten – auffällt, ist die unglaubliche Arroganz, die den Arabern entgegen gebracht wird. „Diesen Tieren sollen wir das ganze Land überlassen – schau doch nur mal wie zurückgeblieben die in ihren Blechhütten hausen!“ In wiefern die Israelis an dieser Situation beteiligt sind ist allerdings eine andere Frage, die man definitiv nicht in ein paar Seiten erörtern kann. Nach der Feier – die säkularen unter den Juden hatten sich ein Konzert angehört – versuchte ich wieder aus dem Gaza-Streifen herauszutrampen, wobei ich einige junge Leute traf. Mit zwei Mädels stand ich längere Zeit an einer Kreuzung, wir hatten also die Gelegenheit uns ein bisschen zu Unterhalten. Auf ihre Frage, ob es in Deutschland denn jetzt noch Nazis gibt musste ich ja leider mit Ja antworten, woraufhin sie entsetzt fragten, wieso diese denn einfach so frei herumlaufen dürften. Glücklicherweise verstand eine der beiden das Argument der Demokratie – solange sie nichts Illegales machen kann man sie ja nicht einsperren – und erklärte es der Anderen: „Das ist schon in Ordnung, verstehst du, das ist wie bei uns mit den Arabern“.
Was soll man da sagen, die Situation ist einfach auf beiden Seiten total festgefahren.

Als das Flugzeug von der Rollbahn abhebt bekomme ich ein beklemmendes Gefühl, achteinhalb Monate (oder genau 253 Tage) lang hatte ich in diesem Land gelebt, jetzt sehe ich plötzlich noch einmal die Küstenlinie Tel Avivs an mir vorbeirauschen, 37 Sekunden später, schon sind wir über dem Mittelmeer. Schnell verschwindet Israel am Horizont – Ich bin auf dem Weg nach Deutschland.

Es war wirklich schön, ein paar von euch mal wieder zu sehen, mich mit euch zu unterhalten und einige entspannende Stunden in Gesellschaft zu verbringen, bevor es wieder zurück an die Arbeit ging.

Wobei ich sagen muss, dass der erste Tag recht locker anfing: Ich kam zwar erst um 7:45 Uhr vom Flughafen in Beit Uri an, trotzdem ist es immer nett, bei einem Ausflug dabei zu sein – auch wenn wir dafür um 8 Uhr losfahren müssen und ich somit keine Zeit zum Schlafen hatte.
Diesmal ging es in den Norden des Landes: Der Bus setzte uns in Rosh HaNicra ab, der nördlichste Abschnitt des Mittelmeeres, zu dem Israel Zugang hat, also direkt an der libanesischen Grenze. Dort erkundeten wir mit unseren Kindern ein Höhlensystem, das wirklich idyllisch an der Steilküste liegt. Leider verließen mich unterwegs meine Akkus, den Anfang konnte ich trotzdem noch auf der Homepage dokumentieren.
Nach dem wir die Höhlen wieder mit der Seilbahn verlassen hatten besuchten wir einen nahe gelegenen Naturpark, von dem man aus Zugang zum Mittelmeer hatte. Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie wundervoll es für die Kinder war, im Wasser zu plantschen. Gerade T, der ja normalerweise im Badezimmer schon wild wird, wenn er die Dusche sieht war nicht mehr zu halten. Kaum hatte er die Badehose an und meine Hand ruhte nicht mehr auf seiner Schulter, da saß er schon in der flachen Bucht und blubberte vergnügt vor sich hin. Ester bekam regelmäßig Angstanfälle, wenn er mit dem Kopf einfach nicht mehr aus dem Wasser wollte. Später nahm in Chamudi unter die Arme und zog ihn rückwärts durch die kleinen Wellen, Ts Gesichtsausdruck dabei war einfach genial, man merkte sofort: hier war er zuhause. Die anderen Kinder amüsierten sich nicht weniger, bis wir gegen Abend aufbrechen mussten, der Bus fuhr wieder gen Beit Uri. Auf der Heimfahrt entschloss sich eine der Damen, die mitgekommen war, der ganzen Gruppe ein Eis bei McDonalds zu spendieren. Fragt mich nicht, warum ausgerechnet in diesem Laden, jedenfalls machte sich der Busfahrer auf die Suche nach dem nächstgelegenen goldenen M. Nach kurzer Suche wurde er auch fündig, es stellte sich aber heraus, dass genau in diesem Restaurant bereits eine andere Busgruppe pausierte, wodurch eben jene Filiale überlastet war. Tja, ein anderes Restaurant lag nicht auf unserem Weg, so musste das Eis leider ausfallen.

Einige Tage danach – um genau zu sein, am 33. Tag des Omer (dieses Jahr der 26. Mai) – feierten wir Lag b’Omer, ein Fest, bei dem man zusammen an einem großen Lagerfeuer isst und darum tanzt. Wie immer ist die Bedeutung auch hier sehr vielschichtig. Kurz gesagt ist die Zeit des Omer – also die 50 Tage nach dem ersten Pessachtag – eine Zeit des Nachdenkens, man beschäftigt sich viel mit sich selbst. Am Ende dieser Zeit liegt Schawuot, das Wochenfest, mit dem – symbolisch durch die Getreideernte verdeutlicht – ein neuer Abschnitt beginnt. Bis dahin soll man sich von allen Dingen, die einen festhalten loslösen, versuchen frei zu werden. Natürlich erinnern auch diese Tage noch an den Auszug aus Ägypten: Das Volk Israel war nach so vielen Jahren der Sklaverei und der Unterdrückung nun endlich in die versprochene Freiheit gekommen – und was hatten sie davon? Sie saßen in der Wüste und hatten nichts zu Essen. Natürlich wurden erste Stimmen laut, man solle nach Ägypten zurückkehren, wenigstens gab es dort Nahrung und ein Dach über dem Kopf. Die Israeliten waren zu Anfang nicht reif für die Freiheit, verstanden sie doch nicht, dass „Freiheit“ immer bedeutet etwas zurück zu lassen und einen Teil seiner Gewohnheiten zu ändern. Freiheit hat sehr viel mit der eigenen Einstellung zu tun. In den Tagen des Omer soll sich nun jeder Einzelne darüber im Klaren werden, wodurch er nicht frei ist, was ihn einsperrt und wovon er sich besser lösen sollte. Um wieder den Bogen zum Anfang zu schlagen: Wie wird man Dinge am besten los? Genau, um diesen Prozess des zurücklassen zu verdeutlichen machen Juden am 33. Tag des Omer ein medurah – hebräisch für Lagerfeuer – in dem die alten Gewohnheiten bildlich verbrennen.

Wie bereits zu Anfang erwähnt, ist auch dieser Rundbrief etwas kürzer; mein Arbeitsalltag ist bereits ausführlich beschrieben und im Mai habe ich nicht sonderlich viel erlebt. Inzwischen habe ich auch die Bilder auf meiner Homepage wieder aktualisiert, die Videos sollten demnächst noch kommen.

Bei mir geht es jetzt in den Endspurt, der Juni wird der letzte Monat sein, den ich komplett in Israel verbringen werde, so langsam bereite ich mich also schon wieder auf den deutschen Alltag vor.

Da euch auch dieser Rundbrief etwas verspätet erreicht, sollte es nicht all zu lange dauern, bis ich den Juni fertig habe, aber wer weiß… früher oder später hört ihr wieder etwas von mir.

Bis dahin
liebe Grüße

Euer Moritz

Moritz Müller

Beit Uri
Givat Hamore
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Israel

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