March 22, 2006
2005-06 Israel
Flughafen Frankfurt , 30. Juni 2005
Shalom liebe Freundinnen/Freunde und Förderinnen/Förderer.
Abschied tut weh.
Doch, wirklich! Wie oft habe ich zwischendurch geflucht, wie oft hatte ich die Nase voll…
Aber wenn sich die Zeit dem Ende nähert, sieht alles wieder ganz anders aus. Der letzte Monat vergeht wie im Flug, man kennt sich ja so gut aus wie noch nie zuvor, man kennt die Mitarbeiter endlich richtig und nicht zuletzt merkt man plötzlich warum man sich eigentlich für diesen Dienst entschieden hat: Es war einfach grauenvoll, sich in den letzten Tagen von meinen Kindern zu verabschieden. Zu sehen, wie die Kinder es schlicht nicht begreifen. E. sah nur die Blumen und die Kerze auf meinem Abschiedstisch und war einfach nicht davon zu überzeugen, dass wir nicht meinen Geburtstag feiern. Ganz langsam kam ihm die Erkenntnis. Am letzten Tag dann mit allen in unserem Esszimmer zu sitzen, ein paar Geschenke zu bekommen (die der neugierige E. eigentlich schon aufpacken wollte) und von fast allen umarmt zu werden – Ich war wirklich den Tränen nahe. Warum nur von fast allen umarmt? Ich habe sicher bereits erwähnt, dass Hilla, die Bat Sherut, und neben Chamudi meine beste Freundin in Israel, orthodox religiös ist und somit keine Männer berührt, die für eine Hochzeit in Frage kämen. Habt ihr euch schon von einem Freund verabschiedet – von dem ihr nicht wisst, ob ihr ihn wieder seht – ohne ihn zu umarmen, ihm nicht einmal die Hand zu geben? So standen Hilla und ich uns nun im Flur gegenüber und keiner wusste so recht was er machen sollte.
Am Morgen vor dem Abflug wollte ich eigentlich in Tel Aviv sein, deswegen hatte ich mich am Tag zuvor verabschiedet, Jörg und ich entschieden uns aber dafür, seinen Geburtstag doch mit ein paar Flaschen Wein und meinem klassischen gebratener-Tofu-Humus-Teller zu beginnen. Kurz und gut, ich hatte mich verabschiedet, war aber doch noch da. Schlecht, wenn man den Kindern das Wort „Abschied“ erklären möchte. Dadurch erfuhr ich aber, dass E. doch zu verstehen schien, dass ich wirklich nicht mehr da war. Er fragte in der Klasse mehrmals nach mir und wurde richtig nervös. Die Volontäre werde ich in näherer Zukunft wieder sehen, daher fiel die Verabschiedung nicht so schwer. Tja, und schon schritt ich zum letzten Mal für längere Zeit den Weg durch Beit Uri entlang, vorbei an der Küche, dem ersten Haus und den Büros, durch das Tor. Ja, Abschied tut weh.
Abschied nimmt man nicht nur von den Menschen hier, für mich zum Beispiel ging heute eine ganze Lebensphase zu Ende. Rechtlich gesehen habe ich meinen Zivilersatzdienst abgeleistet und meine gesamten Pflichten der Bundesrepublik Deutschland gegenüber somit geleistet. Von dieser Seite her hält mich also nichts mehr in Deutschland. Ab heute könnte ich wirklich tun und lassen was ich will. Ja, das muss man sich ja auch mal klar machen, sonst rennt man sein ganzes Leben lang irgendwelchen Dingen hinterher, von denen man denkt, dass man sie machen müsse. Aber dieses Thema habe ich ja in meinem letzten Rundbrief bereits angesprochen. Was ist Freiheit?
Für mich war es sicher eine Art Freiheit, am 4. Juni in Givat Hamore am Straßenrand zu stehen und darauf zu warten, dass Jörg und mich ein Auto unseren Hausberg herunter nimmt. Wir hatten echt Glück: Der Erste der anhielt hatte Besuch von einer Verwandten aus den USA und war auf dem Weg in unsere Richtung. Vorher wollte er nur noch eine kleine Tour über den Gilboa machen, den nächstgelegenen Berg Richtung Westbank, dauere ca. eine Stunde meine er, wir könnten ruhig mit, wenn wir Lust hätten. Klar hatten wir. Wann bekommt man schon mal einen Direkttramp zum Schwimmbad incl. Touristenführung von einem Mitarbeiter der Organisation, die für die Aufforstung des Israelischen Nordens verantwortlich ist?
Einen Tag später fingen wir an uns auf die Feierlichkeiten von Shavuot vorzubereiten. Wie immer hat auch dieses Fest mehrere Bedeutungen. Zum einen erkläre ich es über die Wortherkunft: Shavuot kommt vom hebräischen „sheva“, also der Zahl „sieben“. Da sieben Tage auch in Israel eine Woche bilden kommt man über sheva zur „Woche“, der „shavua“ und da wir ja bereits gelernt haben, dass beim weiblichen Plural ein „ot“ angehängt wird, haben wir schon die „Wochen“, also „shavuot“. Wir feiern also das Wochenfest. Hilft das jetzt irgendjemandem bereits weiter? Gut, noch eine Hilfe, zählen wir rückwärts.
Seit Pessach, dem Fest, das die Trauer- und Nachdenkzeit eingeleitet hat, sind genau 50 Tage vergangen. Den Mathematikern unter euch fallen sicher gleich die Doppelte Bedeutung des Wortstammes auf: 50 Tage sind 7*7 Tage (plus den ersten Tag), 7 Wochen. Die Zeit des Nachdenkens, Besinnens und das Loslösen sind zu Ende! Gleichzeitig wird gerade in diesen Tagen das Getreide immer reifer und die Ernte steht bevor. Der perfekte Zeitpunkt also für ein Fest.
Im Rahmen des Erntedankes fuhren wir mit den Kindern auf ein nahe gelegenes Feld und ernteten selbst unser Getreide, zwei Tag später verarbeiteten wir es zu Mehl und jedes Haus konnte sein eigenes Brot backen.
Am 8. Juni hat mir die Deutsche Botschaft zum ersten Mal etwas geholfen: Als Volontär bekam ich für das Konzert der Söhne Mannheims in Tel Aviv Rabatt, so konnte ich für ca. 13 Euro in die Opernhalle und einen Abend lang der teilweise deutschen Musik lauschen. Jörg und ich fuhren zusammen hin, hatte ich doch noch meine verlorene Bart-Wette einzulösen. Nach dem Konzert ging es also an die Strandpromenade und ein Guinness später, also gegen halb zwei, trampten wir wieder zurück nach Beit Uri. Es ist echt merkwürdig, was für Menschen man beim Trampen so kennen lernt. So standen wir gegen drei Uhr irgendwo im Niemandsland, unsere letzte Mitfahrgelegenheit hatte uns an einer Autobahnausfahrt ohne richtige zugehörige Auffahrt herausgelassen und wir waren ein paar hundert Meter weiter gelaufen um jetzt Mitten auf dem Highway am Straßenrand zu stehen. Jörg bereitete mich schon darauf vor, die ganze Nacht hier zu sitzen, also schon nach einer Minute ein Kleintransporter mit zwei Russen einfach so auf der Autobahn hielt und uns mitnahm. Während der Fahrt erzählte der Fahrer seinem Beifahrer wild gestikulierend und sehr lautmalerisch eine Geschichte auf russisch, die wir witzigerweise trotzdem verstanden, und unterbrach sich nur einmal kurz um uns ein Bier zu reichen. Ja, Trampen ist jedes Mal aufs Neue ein Abenteuer.
Das Wochenende vom 17. auf 18. Juni verbrachte ich wieder bei meinen Freunden in Jerusalem, die Erlöserkirche bot eine Wanderung durch die negev zum Toten Meer an, an der ich gerne teilnahm. Auch die Wüste ist etwas Wunderbares. Wer noch nicht in einer war, sollte das unbedingt nachholen. Man steht auf einem weiten Feld, ringsum nur Sand und wenn man keine größere Gruppe dabei hat ist es einfach absolut still. Nach der Wanderung packten wir am yam hamelach, dem Salzmeer, wie das Tote Meer auf hebräisch genannt wird, unsere nagila aus, saßen bei 34°C um Mitternacht in einer gemütlichen Runde zusammen und gingen etwas schwimmen.
Den nächsten Tag verbrachten wir in Jerusalem, da man am Shabbatmorgen um zwei Uhr nicht mehr von dort wegkommt. Wie schon erwähnt: In Jerusalem gibt es ständig etwas Neues zu entdecken. Diesmal schauten wir uns die Orte an, von welchen vermutet wird, sie seien der Berg Golgatha.
Etwas Spannender wurde es am 24. Juni: Eine Woche vor meiner Rückkehr besuchte ich Hebron in der Westbank. In den vergangenen Jahren gab es hier immer wieder herbe Rückschläge für das friedliche Zusammenleben von Arabern und Israelis. Die jüdische Siedlung liegt im Zentrum von Hebron und beinhaltet den Bereich um das angebliche Grab Abrahams. Da diese Siedlung jedoch komplett von arabischen Dörfern umgeben ist, wurden hier noch vor einem Jahr die rund 200 jüdischen Siedlern von 500 Soldaten bewacht. Wir fuhren nun also mit einem gepanzerten Bus ins Zentrum und besichtigten die Grabesstätte, die, da Abraham ja für alle drei in Israel bedeutenden Religionen heilig ist, gleichzeitig eine Moschee, eine Synagoge sowie eine Kirche ist. Der Rückweg war wieder nichts für schwache Nerven: Im Grunde ist es ja ungefährlich durch die arabischen Dörfer in der Westbank zu laufen, aber ein mulmiges Gefühl bekommt man trotzdem. So entschlossen wir uns dazu, bevor wir den Checkpoint passierten, untereinander abzustimmen und – sollte einer von uns nicht mitgehen wollen – gegebenenfalls zur Bushaltestelle zurückzukehren und auf den gepanzerten Bus zu warten. Da jedoch keiner sein Leben als gefährdet ansah, liefen wir also zu Fuß durch die arabischen Dörfer zur nächst größeren Siedlung „kiriat arba“, von wo aus deutlich öfter Busse fuhren. Womit ich nicht gerechnet hätte war die strenge Kontrolle bei der Einreise in die Siedlung: Es dauerte ca. eine viertel Stunde bis der Soldat am Checkpoint unsere Reisepässe durchgecheckt hatte und uns für sauber befand.
Den nächsten Tag gestalteten Jörg, seine Schwester und, Elias und unser Freund Daniel aus Jerusalem dann wieder ruhig. Wir wanderten durch eines der schönsten Flusstäler Israels, das Nahal Yehudia im Norden des Sees Genezareth. Das schöne an dieser Wanderung sind die kurzen Zwischenstücke, an denen man durch den Fluss schwimmen muss. Eine wirklich willkommene Abkühlung an so heißen Tagen wie diesen.
Tja, und so ging meine Zeit in Israel zu Ende. Unsere Kommunikationstherapeutin wollte mir unbedingt die Haare schneiden und da sich meine Frisur in den letzten Monaten wirklich etwas verselbständigt hatte war das auch gar keine schlechte Idee.
Und am 29. Juni war es schließlich soweit, die Zeit war gekommen, sich zu verabschieden.
Über die letzten Monate habe ich immer wieder ein bisschen an diesem Brief weiter geschrieben, noch nie fiel es mir so schwer, einen Brief zu vollenden wie diesen hier.
Das lag an mehreren Gründen, so hatte ich in den ersten Wochen nach meiner Rückkehr schlicht keine Lust zu schreiben und gewöhnte mich erst einmal wieder an das doch irgendwie langweilige Deutschland. Dann war ich im Urlaub und jetzt wird Omas Balkon und Haus renoviert. Ihr kennt das ja sicher – immer genug zu tun. Trotz allem hat mir dieser letzte Monat ganz gut getan, ich konnte mir viele Gedanken machen, über meine Arbeit, mein bisheriges Leben, meine Zukunft. Zu Anfang ist es einfach nur merkwürdig wieder in Deutschland zu sein, nach kurzer Zeit jedoch rutschen die ganzen Erinnerungen in den Hintergrund und schon nach zwei, drei Wochen ist es selbstverständlich zum Einkaufen in ein Auto zu steigen und überall Deutsch zu sprechen. Nur ganz langsam und nach einiger Zeit fällt es mir auf: Ja, ich vermisse Israel, vermisse das kribbelige Gefühl beim Bus fahren, die Kontrollen beim Supermarkt, die lebendige Vegetation mit den vielseitigsten Lebewesen, die totale Stille in der Wüste, das ans Meer Trampen um nach der Arbeit Baden zu gehen, die gemütlichen Abende an denen ich mit den anderen Volontären bei Nagila, Bier und Humus auf die Jerusalemer Stadtmauer blickte und über die Herkunft hebräischer Worte und den Sinn des Copyrights philosophierte. Und gerade wenn ich meine Bilder durchschaue wird es mir ganz klar: Ich vermisse meine Kinder. Gerne würde ich wieder Zeit mit ihnen verbringen, es ist merkwürdig sie einfach in Israel „zurückzulassen“ und in dem vollen Bewusstsein zu gehen, dass diese Kinder ihr Heim niemals verlassen werden.
Gerade deshalb will ich Israel nächstes Frühjahr unbedingt noch einmal besuchen.
So, das waren sie, meine zehn Monate in Israel. Zehn Monate in denen viel geschehen ist, zehn Monate, die einen Menschen verändern. Es macht selbstbewusster, in ein fremdes Land, eine fremde Kultur und eine fremde Sprache geworfen zu werden und nach kurzer Zeit trotz allem zu merken: Ich komme zurecht. Im Übrigen ein sehr schönes Gefühl…
Wer jetzt noch Fragen in irgendeiner Art hat, kann sich gerne an mich wenden, ich werde versuchen diese zu beantworten. Ansonsten war dies mein letzter Rundbrief an diese Runde und ich verbleibe mit herzlichem Dank für eure Aufmerksamkeit und die Unterstützung, die ich von vielen von euch erhalten habe.
Euer Moritz
Moritz Müller
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